Die Eskalation des Konflikts im Nahen Osten im Jahr 2026 hat erneut Bedenken hinsichtlich der globalen wirtschaftlichen Stabilität aufkommen lassen und das Vertrauen der Anleger erschüttert. Die gängige Meinung hält zwei Ideen bereit: (1), dass Krieg im Allgemeinen verheerend für Volkswirtschaften ist, aber (2), dass Rüstungsunternehmen – im Gegensatz zu allen anderen – immer von Kriegen profitieren. Wie der Antikriegsaktivist Kurt Vonnegut und andere Antikriegsstimmen seit langem warnen, bringt ein Konflikt neben Verwüstung auch den leisen Verdacht mit sich, dass irgendwo immer jemand davon profitiert.
Unsere kürzlich veröffentlichte Studie über die weltweit größten börsennotierten Rüstungs- und Militärdienstleistungsunternehmen zeigt jedoch, dass diese Annahme nur einen Teil der Wahrheit widerspiegelt. Durch den Vergleich der Reaktionen der Anleger auf zwei große Konflikte der jüngsten Zeit – die russische Invasion in der Ukraine im Februar 2022 und den Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 – decken wir eine grundlegende Asymmetrie in der Reaktion der Finanzmärkte auf.
Zwar können geopolitische Konflikte gewisse globale Auswirkungen haben, doch reagieren die Aktienmärkte am stärksten auf strategische politische Kurswechsel und nicht einfach auf den militärischen Konflikt selbst. Diese Erkenntnis hat wichtige Implikationen für Anleger, da sie darauf hindeutet, dass marktrelevante Informationen in erster Linie in den Reaktionen der Regierungen enthalten sind. Anleger können daher ihre Risikobewertung und Portfolioallokation verbessern, indem sie die politischen Entwicklungen genauer beobachten. Für Wissenschaftler im Bereich Finanzmärkte und Unternehmensfinanzierung deuten die Ergebnisse darauf hin, dass politische Reaktionen einen zentralen Übertragungskanal darstellen, über den geopolitische Schocks die Vermögenspreise beeinflussen.
Eine Geschichte zweier Konflikte
Für unsere Analyse verwenden wir eine Ereignisstudien-Methodik. Auf der Grundlage von Aktienkursdaten der größten börsennotierten Rüstungsunternehmen aus den SIPRI Top 100 – einem etablierten Maßstab für die kombinierten Rüstungsumsätze der weltweit größten Rüstungs- und Militärdienstleistungsunternehmen – untersuchen wir die abnormalen Renditen im Zusammenhang mit beiden Ereignissen.
Im Falle der russischen Invasion in der Ukraine zeigte sich ein Muster, das sowohl unmittelbar einsetzte als auch anhaltend war. Aktien der Rüstungsindustrie verzeichneten in der ersten Woche durchschnittlich 10 Prozentpunkte kumulativer abnormaler Renditen, die sich als persistent erwiesen. Europäische Rüstungsunternehmen in der Stichprobe trieben diese Entwicklung; einen Monat nach der Invasion wiesen diese Unternehmen durchschnittliche kumulative abnormale Renditen von über 20 % auf.
Kumulierte abnormale Renditen, berechnet aus rollierendem Alpha und Beta
Im Gegensatz dazu verzeichneten dieselben Rüstungsunternehmen nach dem überraschenden Angriff der Hamas auf Israel keine statistisch signifikanten abnormalen Renditen (siehe Schaubild). Das Ereignis löste eine intensive militärische Mobilisierung Israels sowie weitreichende Spekulationen über eine regionale Eskalation im Nahen Osten aus, doch nichts davon schlug sich in den Kursen der weltweiten Rüstungsaktien nieder. Selbst US-Rüstungsunternehmen, für die einige Kommentatoren einen Vorteil erwarteten, zeigten kein ähnliches Kursmuster wie die europäischen Rüstungsunternehmen im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt.
Warum die Ukraine für die Finanzmärkte von Bedeutung war
Unsere Erklärung für die deutlichen Unterschiede in den Reaktionen beruht auf politischen Kurswechseln.
Der russische Einmarsch in die Ukraine veranlasste die europäischen Regierungen dazu, ihre militärischen Fähigkeiten, strategischen Abhängigkeiten und Haushaltsverpflichtungen grundlegend zu überdenken. Innerhalb weniger Tage hatten mehrere Länder ihre Haltung gegenüber militärischen Investitionen drastisch geändert, wobei Deutschland mit einem neuen Militärfonds in Höhe von 100 Milliarden Euro besonders hervorstach. Mehrere NATO-Mitglieder verpflichteten sich, das Ziel von 2 % des BIP für Verteidigungsausgaben zu erreichen bzw. zu übertreffen; EU-Länder (Finnland und Schweden) beschleunigten ihren Beitritt zur NATO.
Für globale Rüstungsunternehmen mit tief verwurzelter Präsenz in Europa bedeutete dies einen strukturellen Bruch mit der langjährigen Politik der Verteidigungsausgaben. Die Finanzmärkte erkannten, dass dieser Politikwechsel die gesamte Landschaft der Verteidigungsausgaben neu kalibrieren und sicherstellen würde, dass europäische Unternehmen den Löwenanteil erhalten würden. Unsere Ergebnisse bestätigen dies: Mehr als 70 % der europäischen Rüstungsunternehmen in unserer Stichprobe erzielten höhere Renditen als der Median der nicht-europäischen Unternehmen.
Im Gegensatz dazu löste der Konflikt zwischen Israel und der Hamas keine nennenswerte strategische Neuausrichtung über die unmittelbar beteiligten Parteien hinaus aus. Israel steht weltweit an 15. Stelle der Länder mit den höchsten Militärausgaben und macht etwa 1 % der globalen Verteidigungsausgaben aus; selbst eine vollständige Mobilisierung seiner Kriegswirtschaft hat relativ begrenzte Auswirkungen auf die weltweiten Umsätze der Rüstungsindustrie. Vor allem hat keine größere Regierung als Reaktion auf den Angriff eine Neuausrichtung ihrer Verteidigungspolitik angekündigt. Der Konflikt war zwar tragisch und geopolitisch bedeutsam, hat jedoch weder die Haltung der NATO noch die Beschaffungsprioritäten der EU oder die allgemeinen Trends bei den Militärausgaben verändert.
Kurz gesagt: Die russische Invasion zwang einen Kontinent zum Kurswechsel. Der 7. Oktober tat dies nicht.
Was wir daraus lernen können
Diese Erkenntnis hat zwei weitreichende Konsequenzen.
1. Allgemeine Aussagen (wie etwa „Krieg treibt die Renditen in die Höhe“) sind oft zu vereinfachend
Die vergleichende Perspektive unserer Studie deckt Schwachstellen einer weit verbreiteten Annahme auf: dass Rüstungsunternehmen zuverlässig von Konflikten profitieren. Unsere Ergebnisse zeigen, dass dies nur zeitweise zutrifft und stark vom Kontext abhängt. Tatsächlich gibt es in unserer Stichprobe Unternehmen (z. B. Boeing usw.), die während der russischen Invasion in der Ukraine negative kumulierte Bruttorenditen zwischen -1 % und -7,5 % verzeichneten, das zu einem Zeitpunkt, welches sonst erhebliche positive Renditen aufweist. Dies zeigt, dass der Kontext wichtiger ist als allgemeine Narrative.
2. Anleger sollten über herkömmliche Kennzahlen für geopolitische Risiken hinaus auch alternative Strategien in Betracht ziehen
Wir zeigen, dass Konflikte an sich kein verlässlicher Indikator für Renditen im Verteidigungssektor sind. Stattdessen müssen Anleger darauf achten, inwieweit geopolitische Ereignisse mit institutionellen oder haushaltspolitischen Wendepunkten zusammenfallen. Nur Konflikte, die Regierungen dazu veranlassen, langjährige Verpflichtungen neu zu definieren, führen zu der Art von dauerhaften abnormalen Renditen, wie sie seit Februar 2022 zu beobachten sind.
Für Rechts- und Finanzwissenschaftler verdeutlicht dies, wie wichtig es ist, zu verstehen, wie politische Verpflichtungen und bestehende rechtliche Beschränkungen sektorspezifische Bewertungen beeinflussen. Für Investoren unterstreicht dies, dass erhöhte geopolitische Risiken mitunter die wertvollsten Anlagechancen bieten können.
Fatjon Kaja ist Postdoktorand am Center for Advanced Studies on the Foundations of Law and Finance an der Goethe-Universität Frankfurt und assoziierter Forscher bei SAFE.
Kevin Foster ist Associate Dean of the Colin Powell School for Civic and Global Leadership at The City College of New York – CUNY.
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