Dieser Blogbeitrag beleuchtet die wichtigsten Themen, die von Führungskräften börsennotierter Unternehmen in Deutschland während der Analystenkonferenzen im zweiten Quartal 2026 diskutiert wurden. In diesem Zeitraum setzte der SAFE-Index zur Manager-Stimmung seinen Abwärtstrend fort und fiel kontinuierlich von +0,15 Punkten im April auf -0,10 Punkte im Juli. Unternehmen berichteten dennoch starke Ergebnisse für das erste Quartal, bekräftigten ihre Finanzprognosen unter der Voraussetzung, dass der Krieg im Nahen Osten bald endet, und hoben ihre robuste Geschäftsentwicklung trotz des volatileren makroökonomischen und geopolitischen Umfelds hervor.
Während die Führungskräfte als Reaktion auf die durch den Krieg verursachte Unsicherheit die Widerstandsfähigkeit und gute Vorbereitung ihrer Unternehmen betonten, kristallisierten sich in den Gesprächen zwei weitere zentrale Themen heraus: Unternehmen berichteten zunehmend über messbare Produktivitätsgewinne durch künstliche Intelligenz, während widrige Wetterereignisse branchenübergreifend als bedeutendes operatives Risiko thematisiert wurden.
Branchenspezifische Unterschiede in der Stimmung
Während sich die Manager-Stimmung im zweiten Quartal verschlechterte, fielen die Unterschiede zwischen den Branchen weniger deutlich als noch im ersten Quartal aus. Dies deutet darauf hin, dass die zunehmende makroökonomische und geopolitische Unsicherheit die Unternehmen weitgehend in ähnlicher Weise beeinflusste. Die Sektoren nichtzyklische Konsumgüter, Technologie und Energie wiesen die positivste Stimmung auf. Führungskräfte der Technologiebranche verwiesen auf eine starke und stabile Nachfrage sowie auf steigende Produktivitätsgewinne durch Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Die Verbesserung im Energiesektor lässt sich hingegen vermutlich auf das günstigere Ertragsumfeld infolge höherer Öl- und Energiepreise zurückführen.
Demgegenüber verschlechterte sich die Stimmung in den Sektoren zyklische Konsumgüter, Grundstoffe und Immobilien deutlicher. Dort verwiesen die Führungskräfte auf eine verhaltene Konsumnachfrage, höhere Rohstoffkosten sowie Unsicherheiten hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung und des Zinsniveaus. Führungskräfte im Finanzsektor äußerten sich vorsichtiger als zuvor und wiesen auf mögliche negative Auswirkungen des Krieges auf die Finanzmärkte und die Investitionstätigkeit hin.
Nahostkonflikt: Auf Störungen vorbereitet, doch Unsicherheit erschwert Planung
Während des gesamten zweiten Quartals entwickelte sich der Krieg im Nahen Osten zu einem der am häufigsten diskutierten Risikofaktoren in den Analystenkonferenzen. Seit April hat sich der Krieg rasch entwickelt. Die nachfolgende Darstellung fasst die Einschätzungen der Führungskräfte von April bis Juni zusammen und spiegelt daher die Sichtweise der Unternehmen zu diesem Zeitpunkt wider – nicht jedoch ihre Einschätzung der aktuellen geopolitischen Lage.
Die Führungskräfte verwiesen wiederholt auf ein volatiles makroökonomisches und geopolitisches Umfeld, betonten jedoch auch, dass sich ihre Unternehmen als widerstandsfähig erwiesen hätten. Viele Unternehmen bekräftigten ihre Finanzprognosen, was darauf hindeutet, dass der Krieg die zugrunde liegenden Geschäftsbedingungen noch nicht wesentlich verändert hatte. Stattdessen hoben die Führungskräfte immer wieder hervor, dass die größte Schwierigkeit darin bestehe, die weitere Entwicklung der Lage nicht vorhersehen zu können.
Krieg könnte Inflationsdruck verstärken und höhere Zinsen nach sich ziehen
Ein Manager aus dem Grundstoffsektor merkte bezüglich der Unsicherheit an, dass „es derzeit schwer zu sagen ist, da sich die Lage schnell verändert“, während eine Führungskraft aus der Finanzbranche betonte, dass „die Auswirkungen … weiterhin ungewiss bleiben. Verlässliche Schätzungen sind derzeit noch nicht möglich.“ Ebenso warnten Führungskräfte aus den Bereichen zyklische Konsumgüter und Immobilien, dass „nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich der Ausblick für das Jahr verschlechtert“ und dass „abzuwarten bleibt, wie sich die Zinssätze und die Immobilienmärkte entwickeln werden.“
Diese Bedenken spiegeln die Sensibilität des Immobiliensektors gegenüber Finanzierungsbedingungen wider, die durch eine erhöhte makroökonomische und geopolitische Unsicherheit beeinflusst werden können. Aufgrund der durch den Krieg verusachten Preissteigerungen könnten Zentralbanken gezwungen sein, die Zinssätze anzuheben, um die Inflation unter Kontrolle zu halten. Höhere Zinsen führen zu höheren Kosten für Hypothekendarlehen und dämpfen dadurch die Nachfrage nach Immobilien. In ihrer Sitzung am 11. Juni erhöhte die Europäische Zentralbank die Leitzinsen bereits um 25 Basispunkte.
Aktuell begrenzte Auswirkungen aber wachsende zukünftige Risiken
Die Bedenken spiegelten sich auch in der klaren Unterscheidung zwischen aktuellen Auswirkungen und künftigen Risiken wider. Die meisten Unternehmen sahen ihre direkte wirtschaftliche Abhängigkeit von der Region als gering an.So erklärte ein Energieunternehmen, dass „die finanziellen Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten sehr begrenzt gewesen sind“, während ein Unternehmen aus dem Gesundheitssektor erläuterte, dass die Auswirkungen „derzeit innerhalb unserer Inflationsannahmen aufgefangen werden“.
Gleichzeitig warnten die Führungskräfte, dass ein langanhaltender Krieg über höhere Logistik-, Rohstoff- und Energiekosten schrittweise Auswirkungen auf Inflation, Lieferketten und Nachfrage haben könnte. Ein Manager aus dem Immobiliensektor stellte fest, dass „je länger der Krieg andauert, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Inflation wieder anzieht“, während ein Industrieunternehmen warnte, dass „es bei einer längeren Fortdauer der Situation zu Störungen in den Lieferketten kommen könnte“.
Konsum- und Investitionszurückhaltung angesichts anhaltender Unsicherheit
Mehrere Unternehmen verwiesen auf eine schwächere Konsumnachfrage und aufgeschobene Investitionsentscheidungen als mögliche Zweitrundeneffekte. Ein Manager aus dem Sektor der zyklischen Konsumgüter beobachtete, dass der Krieg eine „dämpfende Wirkung auf den Konsum in ganz Europa“ habe, während eine Führungskraft aus dem Grundstoffsektor vor einem möglichen „Nachfragezerstörungseffekt“ warnte. Ebenso merkte ein Manager aus dem Industriesektor an, dass die geopolitische Unsicherheit bereits „das Investitionsverhalten der Kunden belastet“.
Anstatt zu versuchen, geopolitische Entwicklungen vorherzusagen, konzentrierten sich die Führungskräfte auf Vorbereitungsmaßnahmen. Eine Führungskraft aus dem Sektor der zyklischen Konsumgüter erklärte: „Wir müssen uns auf diese Art von Störungen vorbereiten und [das Unternehmen] robuster machen.“ Ebenso betonten Unternehmen aus dem Industriesektor die Erfahrungswerte aus den jüngsten Krisen. Eine Führungskraft erklärte, dass man aus dem Jahr „2022 viele Lehren gezogen“ habe, während eine andere erläuterte, dass man daran arbeite, „[das Unternehmen] gegen Störungen in den Lieferketten zu schützen“. Weitere Führungskräfte hoben die enge Überwachung der Lieferketten, Sicherheitsbestände für kritische Rohstoffe sowie Effizienzmaßnahmen hervor, um die finanziellen Auswirkungen höherer Inputkosten abzufedern.
Zunehmend legen die Analystenkonferenzen nahe, dass Unternehmen geopolitische Unsicherheit als dauerhaftes Merkmal des Geschäftsumfelds betrachten und dabei die Bedeutung von Widerstandsfähigkeit, Maßnahmen zur Kostendämpfung und Notfallplanung hervorheben.
Von KI-Experimenten zu messbaren Produktivitätsgewinnen
Künstliche Intelligenz war im zweiten Quartal eines der durchgängig positivsten Themen in den Analystenkonferenzen. Die Unternehmen beschrieben KI zunehmend als Treiber von Produktivität, Automatisierung und operativer Effizienz. Branchenübergreifend betonten die Führungskräfte, dass KI immer stärker in den Arbeitsalltag und in Entscheidungsprozesse integriert werde. Ein Unternehmen hob hervor, dass KI „in allen Unternehmensbereichen“ eingesetzt werde und man sich davon „greifbare Vorteile in der Zukunft“ verspreche.
Im Finanzsektor konzentrierten sich die Aussagen auf die doppelte Rolle von KI: Einerseits verbessere sie kundenorientierte digitale Dienstleistungen, andererseits steigere sie die operative Exzellenz, das Risikomanagement und die Effizienz. Eine Führungskraft bezeichnete sie als „einen zentralen Treiber von Effizienz und einen Schöpfer neuer Umsatzmöglichkeiten“. Auch Führungskräfte aus dem Energiesektor berichteten von Effizienzgewinnen und hoben die „wesentlichen“ Auswirkungen von KI auf die Softwareentwicklung hervor, wodurch Unternehmen mit ihrem Investitionsbudget mehr erreichen könnten.
Insgesamt legen die Analystenkonferenzen nahe, dass sich KI von einer Experimentierphase – in der Unternehmen ausloteten, wie sie KI in ihre Geschäftsabläufe integrieren können – zu einem etablierten Instrument entwickelt, mit dem sich Produktivität und operative Effizienz branchenübergreifend steigern lassen.
Extremes Wetter: Eine wachsende Herausforderung für Unternehmen
Branchenübergreifend waren wetterbedingte Störungen in den Analystenkonferenzen des zweiten Quartals ein immer wiederkehrendes Thema, wobei die Unternehmen die betrieblichen Auswirkungen widriger Wetterbedingungen schilderten.
Unternehmen aus dem Sektor der zyklischen Konsumgüter verwiesen auf schwere Winterstürme und Hurrikane in Europa und den Vereinigten Staaten, die Logistikprozesse beeinträchtigten, die Nachfrage reduzierten und die Quartalsergebnisse belasteten. Während eine Führungskraft von einem Wintersturm sprach, wie er „nur einmal in 75 Jahren“ vorkomme, bemerkte eine andere, dass die Ergebnisse „ohne die Auswirkungen eines Hurrikans noch besser ausgefallen wären“. Ähnliche Effekte wurden auch in den Sektoren Industrie, Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen berichtet, wo Unternehmen widrige Wetterbedingungen mit Projektverzögerungen, geringerer Geschäftstätigkeit und wetterbedingten Versicherungsansprüchen infolge schwerer Winterbedingungen in Verbindung brachten.
Zusammenfassend verdeutlichen die Analystenkonferenzen, dass das Wetter weiterhin ein wichtiger externer Faktor ist, der die Geschäftsentwicklung in wetterabhängigen Branchen beeinflusst und sowohl den laufenden Geschäftsbetrieb als auch die kurzfristigen Finanzergebnisse beeinträchtigt.
Ausblick
Insgesamt deuten die Analystenkonferenzen des zweiten Quartals darauf hin, dass die börsennotierten Unternehmen in Deutschland trotz eines unsichereren Umfelds operativ widerstandsfähig geblieben sind. Während die Führungskräfte ihre Finanzprognosen überwiegend bestätigten, standen geopolitische Risiken, technologischer Wandel und wetterbedingte Störungen im Mittelpunkt der Diskussionen. Seit Juni ist die vorübergehende Waffenruhe im Nahen Osten zusammengebrochen. Die erneute militärische Eskalation sowie Angriffe in der Straße von Hormus haben die Unsicherheit, auf die die Führungskräfte wiederholt hingewiesen hatten, weiter verstärkt. Solange es keine umfassendere und dauerhafte Lösung für den Krieg im Nahen Osten gibt, wird dieses Thema die Führungskräfte weiterhin stark beschäftigen.
Im Hinblick auf die extremen Wetterereignisse sind wir gespannt darauf, in den kommenden Analystenkonferenzen zu erfahren, in welchem Umfang die Hitzewellen im Juni und Juli in Westeuropa von den Führungskräften thematisiert werden. Die hohen Temperaturen könnten nicht nur die Konsumnachfrage beeinflusst, sondern auch die Beschäftigten der Unternehmen und deren Produktivität beeinträchtigt haben.
Alexander Hillert ist Co-Abteilungsleiter der SAFE-Forschungsabteilung „Financial Intermediation“ und Professor für Finanzen und Data Science.
Denise Rößler ist Finanzökonomin am SAFE Policy Center.
Jette Witt ist studentische Hilfskraft in der Abteilung Financial Intermediation.
Blogbeiträge repräsentieren die persönlichen Ansichten der Autor:innen und nicht notwendigerweise die von SAFE oder seiner Mitarbeiter:innen.