SAFE Finance Blog
22 Jul 2025

Geopolitische Risiken, Klimaziele und digitale Transformation beeinflussen die Stimmung in börsennotierten Unternehmen

Sara Fadavi, Alexander Hillert, Elena Munteanu: Trotz guter Finanzergebnisse äußern sich börsennotierte Unternehmen in Deutschland vorsichtig

Bürogebäude mit Licht in einigen Fenstern.

In den vergangenen drei Monaten hat sich die Stimmung im Management börsennotierter Unternehmen in Deutschland schrittweise verschlechtert, wie der SAFE Manager Sentiment Index zeigt. Nachdem der Index im Mai mit 0,26 noch im positiven Bereich lag, drehte er im Juni mit -0,08 leicht ins Negative und fiel im Juli weiter auf -0,17. Dieser Rückgang spiegelt die wachsende Unsicherheit wider, die durch anhaltende makroökonomische Risiken und geopolitische Spannungen verursacht wird. 

Der Index liegt nach wie vor nahe bei Null und zeigt damit eine insgesamt neutrale Stimmung. Während die Unternehmen vorsichtiger geworden sind, tragen positive Finanzergebnisse und die digitale Transformation in mehreren Branchen dazu bei, die allgemeine Stimmung zu stabilisieren und einen stärkeren Rückgang zu verhindern. 

Der SAFE Manager Sentiment Index im Juli 2025

Der SAFE-Index zur Manager-Stimmung im Juli 2025

In diesem Blogbeitrag beleuchten wir zentrale Einflussfaktoren auf die Stimmungslage im zweiten Quartal 2025. Dazu wurden 139 Transkripte von Analystenkonferenzen aus dem Zeitraum April bis Juni ausgewertet. Die diskutierten Hauptthemen zeigen, dass Unternehmen Digitalisierung und Nachhaltigkeit vorantreiben, sich aber gleichzeitig bewusst sind, dass unerwartete externe Schocks ihren Weg schnell verändern können.

Geopolitische Risiken und Handelszölle verunsichern Führungskräfte

Geopolitische Spannungen und Risiken in der Handelspolitik, bereits im ersten Quartal ein wesentliches Thema, belasteten weiterhin die Zuversicht der Unternehmensleitungen und prägten einen verhaltenen Ton in den Analystenkonferenzen. Die Führungskräfte verwiesen auf die destabilisierenden Auswirkungen der Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten sowie auf die Unberechenbarkeit der amerikanischen Handelspolitik und die sich verändernden Allianzen, welche „Lieferketten gestört und die Planungshorizonte getrübt haben“. Eine Führungskraft formulierte es so: „In einer Welt mit all dieser geopolitischen Unsicherheit ist eine starke Bilanz genau das, was unsere Kunden sehen wollen“ und unterstrich damit, dass die Kundschaft finanzielle Stärke in solch unbeständigen Zeiten am meisten verlangt und schätzt.

Mit Blick auf Zölle beschrieben Führungskräfte die Herausforderungen durch Ausnahmeregelungen und kurzfristige Richtungswechsel. Als strategische Antwort darauf haben viele Unternehmen sich zunehmende um eine lokale Produktion bemüht und betonten, dass „wir lokal für die lokalen Märkte produzieren“, um die Anfälligkeit zu verringern. Managerinnen und Manager diskutierten diese Strategien bereits kurz nach der US-Wahl, wie im Blogbeitrag  "Handelsspannungen und Zolltaktiken: Einblicke von börsennotierten deutschen Unternehmen" vom Februar nachzulesen ist.

Die Vorstände wiesen auch auf neue Herausforderungen hin. Sie stellten fest, dass ihre Zielgruppen eine abwartende Haltung einnehmen und die Auftragshorizonte von mehreren Monaten auf nur eine oder zwei Wochen verkürzten. Führungskräfte hielten sich daher mit detaillierten Prognosen vor dem Ende der 90-tägigen Pause auf neue Zölle zurück in der Hoffnung, dass mögliche Verhandlungen zwischen Europa und den USA Klarheit schaffen würden.

Gute Finanzergebnisse den Herausforderungen zum Trotz

Führungskräfte aus unterschiedlichsten Branchen betonten in der Diskussion ihrer Quartalsergebnisse regelmäßig, ihre Ziele erreicht oder übertroffen zu haben. Ein Manager eines Versicherungsunternehmens gab zwar einen neutralen Ausblick, bestätigte jedoch eine aktuelle gute Performance des Unternehmens und sagte: „Ich erwarte keine große Erleichterung, aber auch keine Belastung für die Zukunft. Aber derzeit sind wir wirklich in guter Verfassung, wenn es darum geht, unser Ziel zu erreichen“. Ein Finanzchef aus dem Energiesektor erklärte, man habe „ein weiteres sehr starkes Quartal gehabt und im Grunde alle wichtigen KPIs im Vergleich zu den Erwartungen übertroffen.“ Ähnlich äußerte sich ein Manager aus der Technologiebranche: „Ich freue mich, berichten zu können, dass wir in den ersten sechs Monaten ein robustes Umsatzwachstum, einen starken Auftragseingang und ein stabiles EBITDA erzielt haben.“ Eine Person berichtete aus der Gesundheitsbranche: „Weiterhin haben wir unsere Prognosen auf der Grundlage der bisherigen Bilanzierungspraxis übertroffen.“ Gemeinsam signalisieren die Aussagen der Führungskräfte unterschiedlicher Branchen eine robuste wirtschaftliche Lage trotz unsicherem Umfeld.

Wirtschaftliche Dynamik verlagert sich von den USA nach Europa

Mehrere Führungskräfte wiesen auf eine deutliche Verlagerung der Dynamik von den USA nach Europa. Das spiegelt die sich auseinanderentwickelnden wirtschaftlichen Bedingungen wider. Während Unternehmen mit einer starken Ausrichtung auf Europa direkt profitieren, ist der Effekt für multinationale Unternehmen, die in beiden Regionen tätig sind, eher neutral. Eine Führungskraft sagte, dass „die Konjunktur in den USA nach wie vor gedrückt ist“, während „der Auftragseingang in Europa weiterhin stark ist.“

Getrieben wird diese Verlagerung Richtung Europa von geopolitischer Unsicherheit und der Suche nach stabilen, profitablen Anlagen. Im Finanzsektor beobachteten Führungskräfte zum ersten Mal seit vielen Jahren eine „Rückführung europäischer Ersparnisse nach Europa“. Die Aussage unterstreicht das wachsende Vertrauen in die wirtschaftlichen Aussichten der Region und die steigende Attraktivität Europas als strategisches Investitionsziel.

Fortschritte bei Nachhaltigkeit, aber strukturelle Herausforderungen bleiben

Die Unternehmen berichten sowohl von Fortschritten als auch strukturellen Herausforderungen im Bereich Umwelt, Soziales und Governance (ESG).  Industrieunternehmen berichteten von innovativen Produkten mit geringerer CO₂-Bilanz, etwa Dichtmassen aus nachwachsenden Rohstoffen oder polymeren Bindemitteln für den emissionsarmen Bau. Die Führungskräfte bekannten sich klar zu den deutschen und europäischen Klimazielen. Gleichzeitig unterstrichen sie die Bedeutung von Kosteneffizienz und Erschwinglichkeit. Dazu zählen sie Maßnahmen wie Stromsteuersenkungen und steuerliche Anreize, um die Produktion in Deutschland zu unterstützen sowie die Elektrifizierung von Firmenwagen zu fördern.

Lücken in der Infrastruktur, insbesondere bei den Ladenetzen, hielten die Verbreitung emissionsfreier Mobilität weiter zurück. Ein Manager sagte: „Um die europäischen CO2-Vorgaben bis 2030 zu erfüllen, brauchen wir etwa 35.000 öffentliche Schnellladepunkte. Bislang haben wir weit weniger als 1.000. Der Aufbau der Infrastruktur muss daher dringend beschleunigt werden. Dies ist eine kollektive Herausforderung“. 

Auf den Finanzmärkten war die Stimmung in Bezug auf ESG gemischter: Einige Vermögensverwalter berichteten über gedämpfte ESG-Zuflüsse: „Wir sehen keine Zunahme der ESG-Nachfrage“. Gleichzeitig scheinen bei Investitionen die Nachhaltigkeitskriterien eher angepasst als aufgegeben zu werden. So nehmen Artikel-8-Fonds zunehmend wieder Titel aus dem Rüstungssektor auf, während strengere Artikel-9-Produkte weiterhin an den Ausschlussregeln festhalten.

Digitalisierung: Fortschritte und Schwachstellen

Die Digitalisierung ist zu einem zentralen strategischen Schwerpunkt geworden, wobei Unternehmen zunehmend KI und Automatisierung in alle Bereiche ihres Geschäfts integrieren. Konsumgüterunternehmen setzen „eine Reihe von KI-Tools ein, die Preisentscheidungen auf der Grundlage aktueller Bestände und historischen Verhaltens treffen“, während Industrieunternehmen KI-Systeme einsetzen, die „nahezu jede Herausforderung in der Lieferkette bewältigen können“. Im Gesundheitswesen beschreiben Manager, dass sie eine nahtlose „digitale Patientenreise“ anbieten, die eine „vollständig digitale Reise ermöglicht, ohne zum Arzt zu gehen oder eine physische Apotheke aufzusuchen.

Die Unternehmen berichten auch über die Schattenseiten der Digitalisierung: Ein Unternehmen räumte ein, dass ein kürzlich erfolgter Cyberangriff „alle Systeme blockiert hat... wir konnten nicht liefern.“ Das verdeutlicht die Anfälligkeit für Sicherheitsverletzungen, während ein anderes Unternehmen auf die außerordentlichen Kosten hinwies, die mit „der Implementierung unseres neuen ERP-Systems verbunden sind, die immer noch andauert“, was das Risiko anhaltender IT-Investitionen unterstreicht, die sich auf die Margen auswirken.

Trotz dieser Herausforderungen bleibt die Überzeugung klar: „Es ist entscheidend, dass wir neue Technologien nicht nur als Unternehmen, sondern als Gesellschaft vollständig annehmen – sie ermöglichen weniger Bürokratie, mehr Innovation und eine schnellere Marktreife.

Vorsichtige Zuversicht in unsicherem Umfeld

Die Analystenkonferenzen dieses Quartals zeigten ein ausgewogenes Verhältnis von Zuversicht und Vorsicht, das den nuancierten, aber rückläufigen Trend des SAFE-Index zur Manager-Stimmung widerspiegelt. Mehrere Führungskräfte präsentierten starke Ergebnisse und gaben trotz des schwierigen Umfelds einen vielversprechenden Ausblick. Gleichzeitig betonten fast alle die Notwendigkeit, angesichts der anhaltenden makroökonomischen Unsicherheiten „mit Prognosen für den Rest des Jahres vorsichtig zu bleiben.“ Zusammengenommen ist die Botschaft klar: Trotz solider Ergebnisse gehen die Unternehmen mit vorsichtiger Zuversicht und wachsamem Blick auf die sich entwickelnden Risiken an den Rest des Jahres 2025 heran.

Die Originalaussagen sind auf Englisch und hier zu finden.


Sara Fadavi ist Financial Policy Analyst at the SAFE Policy Center.

Alexander Hillert ist Co-Abteilungsleiter der SAFE-Forschungsabteilung „Financial Intermediation“ und Professor für Finanzen und Data Science.

Elena Munteanu ist Student Assistant am SAFE Data Center.

Blogbeiträge repräsentieren die persönlichen Ansichten der Autor:innen und nicht notwendigerweise die von SAFE oder seiner Mitarbeiter:innen.