23 Sep 2026

Wer überwacht die Aufseher? Rechenschaftspflicht und Innovation in Europas Finanzarchitektur

Experten diskutieren Europas Finanzregulierung, Finanzstabilität und digitale Zukunft

Claudia Buch bei ihrer Keynote auf der 1st Watching European Financial Market Regulation and Supervision Conference

Europa braucht starke Finanzmärkte, um Investitionen und Wachstum zu finanzieren und zugleich die Finanzstabilität zu wahren. Banken und Märkte sind dabei nicht die einzigen Institutionen, die zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Auch Finanzregulierung und -aufsicht müssen ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen und einer systematischen Evaluierung Stand halten.

Auf der ersten Watching European Financial Market Regulation and Supervision Conference am 15. September 2026 diskutierten Forschende und Vertreter:innen des Finanzsektors, der Regulierungsbehörden und der Aufsicht darüber, wie Europas Finanzarchitektur auf geopolitische Unsicherheit, technologischen Wandel und neuen Wettbewerbsdruck reagieren sollte.

Fragmentierung überwinden

In ihrer Keynote betonte Claudia Buch, Vorsitzende des Aufsichtsgremiums der Europäischen Zentralbank (EZB), die Bedeutung von Rechenschaftspflicht und öffentlicher Kontrolle. „Deshalb ist eine breite Gemeinschaft von Beobachtern wichtig: politische Entscheidungsträger, Banken, Forschende, Analysten, Journalisten, die Zivilgesellschaft und Bürgerinnen und Bürger. Jede Gruppe bringt wertvollen Input ein“, sagte sie. Buch warnte zudem davor, langfristige Widerstandsfähigkeit für kurzfristige Gewinne zu opfern, und wies darauf hin, dass „auch ein nicht zu vernachlässigendes Risiko besteht, dass das Gleichgewicht zugunsten der vermeintlichen kurzfristigen Vorteile schwächerer Standards zulasten höherer langfristiger Risiken verschoben werden könnte.“

Zunächst befasste sich die Diskussion mit der anhaltenden Fragmentierung der europäischen Bankenmärkte, mit der „wir uns nicht abfinden sollten“, wie Elena Carletti, Professorin für Finance an der Bocconi-Universität, sagte. Um das Wachstum in Europa zu fördern, betonte Carina Kozole, Chief Risk Officer bei ING Netherlands, die Bedeutung von Integration statt Deregulierung. Es wurde hervorgehoben, dass grenzüberschreitende Bankaktivitäten weiterhin durch unvollständige gemeinsame Sicherungsmechanismen und Rahmenwerke für das Krisenmanagement eingeschränkt werden.

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In der Diskussion über das Zusammenspiel von internationaler Zusammenarbeit und Finanzstabilität betonte Gaston Gelos, stellvertretender Leiter der Währungs- und Wirtschaftsabteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, dass Finanzstabilität ein globales öffentliches Gut sei, das koordinierte Maßnahmen über Grenzen hinweg erfordere. Amit Seru, Professor für Finance and Economics an der Stanford University, warnte unterdessen vor einem regulatorischen Unterbietungswettlauf. Er mahnte, dass Standards nicht im Namen der Wettbewerbsfähigkeit gelockert werden sollten.

Patrick Amis, Generaldirektor für mikroprudenzielle Aufsicht bei der EZB, stellte die Vorstellung infrage, dass Wachstum und Regulierung als miteinander konkurrierende Ziele betrachtet werden sollten. Widerstandsfähigkeit und nachhaltiges Wachstum könnten sich gegenseitig verstärken, argumentierte er. Die Diskussion befasste sich außerdem damit, wie regulatorische Anforderungen weniger belastend gestaltet werden könnten, ohne ihre Ziele zu beeinträchtigen. Karen Braun-Munzinger, Mitglied des Einheitlichen Abwicklungsausschusses, verwies auf Möglichkeiten, „die Belastung zu reduzieren, ohne die Standards zu senken“.

Europas digitale Zukunft

Mit Blick auf Europas digitale Zukunft stach eine Frage hervor: Wie kann Europa mit dem technologischen Wandel Schritt halten, ohne die Kontrolle über seine Finanzinfrastruktur zu verlieren? Die Diskussion über Tokenisierung, Stablecoins und den digitalen Euro verdeutlichte die Notwendigkeit von Innovation bei gleichzeitiger Wahrung der Rolle europäischer Institutionen und von Zentralbankgeld. Wie Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der EZB, es formulierte: „Die einzige Möglichkeit, mit Amerika zu konkurrieren, besteht darin, auf ihrem Spielfeld zu spielen: innovativ zu sein.“

Für Tobias Adrian, den ehemaligen Direktor der Abteilung für Währungs- und Kapitalmärkte des Internationalen Währungsfonds, muss Innovation Hand in Hand mit der fortbestehenden Rolle von Zentralbankgeld gehen. Während Tokenisierung und Blockchain-Technologie die Finanzintermediation verändern, müssen Zentralbanken weiterhin in der Lage sein, Liquidität bereitzustellen und als Kreditgeber letzter Instanz zu fungieren. Tokenisierte Reserven könnten zu einer Möglichkeit werden, die Liquiditätsbereitstellung in einem digitalisierten Finanzsystem zu unterstützen und zugleich Vertrauen, Stabilität und die Einheitlichkeit des Geldes zu wahren.

Die Frage, ob Europa das richtige Umfeld für eine solche Innovation schafft, blieb umstritten. Martin Bruncko, Gründer und CEO von Schuman Financial, argumentierte, dass „wir europäischen Unternehmern nicht genug vertrauen“, und kritisierte politische Entscheidungsträger und den Bankensektor dafür, Innovation eher zu blockieren als zu ermöglichen.

Einen vollständigen Überblick über Themen und Teilnehmende bietet das Programm.