11 Jul 2025

Aufrüstung wird historisch nicht durch Kürzungen der Sozialausgaben finanziert

Gemeinsames Web-Seminar des Instituts für Bank- und Finanzgeschichte, des Center for Financial Studies und SAFE

Im Web-Seminar am 3. Juli 2025 stellte der Experte für Geo-Ökonomie, Christoph Trebesch, eine aktuelle Studie vor, die konventionelle Annahmen in Frage stellt und Transparenz in eine historisch theoretische Debatte über Schuldenfinanzierung bringt. Während viele europäische Staaten ihre Verteidigungshaushalte aktuell in hohem Tempo ausweiten, legen historische Daten nahe, dass die Defizitfinanzierung ohne Einschnitte bei Sozialausgaben, der wahrscheinlichste Weg in die Zukunft ist. 

Trebesch folgte der Einladung des Instituts für Bank- und Finanzgeschichte (IBF), des Center for Financial Studies (CFS) und des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE und präsentierte seine Studie „Guns vs. Butter? How States Finance Wars and the Military”, die er gemeinsam mit Jonathan Federle und Johannes Marzian (alle vom Institut für Weltwirtschaft und der Universität Kiel) verfasst hat. Florian Heider, Wissenschaftlicher Direktor am SAFE, moderierte die Veranstaltung.

Wie finanzieren Staaten militärische Ausgaben?

Das Seminar griff eine angesichts der sicherheitspolitischen Neuorientierung Europas hochaktuelle Frage auf: Wie finanzieren Staaten steigende Militärausgaben, insbesondere in Zeiten geopolitischer Spannungen? Basierend auf ihrer neu erstellten Global Budgets Database, einem umfassenden und disaggregierten Datensatz über 150 Jahre und 20 Länder, präsentierte Trebesch die erste langfristige, länderübergreifende empirische Studie zur Militärfinanzierung. Die Autoren identifizierten 114 Phasen militärischer Ausgabenbooms, sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten. Sie analysierten, ob diese durch Kürzungen bei den Sozialausgaben („Butter“), durch Steuererhöhungen oder durch öffentliche Verschuldung finanziert wurden. Die Ergebnisse widersprechen der verbreiteten „Guns vs. Butter“-These, wonach höhere Militärausgaben Kürzungen bei zivilen Ausgaben nach sich ziehen. Historisch gesehen wurden die meisten militärischen Aufrüstungen durch Schuldenaufnahme und, in geringerem Maße, durch Steuern finanziert. Kürzungen bei den Sozialausgaben waren hingegen selten.

Schulden und Steuern stehen im Vordergrund

Ein detaillierter Blick auf die Daten zeige laut Trebesch ein konsistentes Muster über Zeit und Regionen hinweg: „Kriegsbedingte Ausgabenbooms werden in erster Linie über Schulden und in zweiter Linie über Steuern finanziert“. Selbst in Zeiten großer militärischer Konflikte gebe es kaum Hinweise auf Kürzungen bei sozialen oder anderen zivilen Ausgabenkategorien. Vielmehr sei in Kriegszeiten ein Anstieg der Sozialausgaben zu beobachten. Dies sei auch ein Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Hindernisse gegen Sparmaßnahmen in Konfliktzeiten. Sogar in Friedenszeiten, so Trebesch, seien die Militärausgaben zwar im Allgemeinen weniger stark gestiegen, jedoch ebenfalls vorrangig durch eine Kombination aus Schulden und Steuern finanziert worden – nicht durch Kürzungen.