Haushalte neigen dazu, die vergangene Inflation zu überschätzen und auch für die Zukunft eine Inflation oberhalb des Inflationsziels der Europäischen Zentralbank (EZB) zu erwarten. Das wirft Fragen zur Verankerung der Inflationserwartungen auf. Im Allgemeinen ist die Tendenz zu einer überhöhten Einschätzung der Inflation ein weitgehend harmloses Phänomen . Der aktuelle Energiepreisschock im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran könnte jedoch dazu führen, dass Haushalte ihre Inflationserwartungen schneller nach oben korrigieren, da ihnen der Inflationsschub von 2021–22 noch frisch in Erinnerung ist.
Das vorrangige Mandat der EZB ist die Sicherung der Preisstabilität im Euroraum. Die Erfüllung dieses Mandats hängt nicht nur davon ab, die tatsächliche Inflation unter Kontrolle zu halten, sondern auch davon, wie Preisentwicklungen wahrgenommen und künftig erwartet werden. Veränderungen in den Inflationserwartungen können das Konsum- und Sparverhalten der Haushalte sowie Lohnverhandlungen beeinflussen.
Verzerrung beschränkt sich größtenteils auf private Haushalte
Um ihr mittelfristiges Ziel von 2 Prozent zu erreichen, muss die EZB daher sicherstellen, dass die Inflationserwartungen von Haushalten, Unternehmen und Finanzmarktteilnehmern fest um dieses Ziel verankert bleiben. Obwohl die Inflation im Euroraum inzwischen wieder nahe am 2 Prozent Ziel der EZB liegt, zeigen Umfragedaten, dass viele Haushalte weiterhin deutlich höhere Inflationsraten erwarten. Dieses Phänomen beschränkt sich auf Haushalte: Die Inflationserwartungen von Unternehmen, Finanzmarktteilnehmern und Prognostikern liegen weiterhin im Einklang mit den tatsächlich beobachteten Inflationsraten.
Diese Aufwärtsverzerrung in der Wahrnehmung von Haushalten könnte Bedenken hinsichtlich der Verankerung der Inflationserwartungen und der Wirksamkeit der Geldpolitik. Zwar wird der Einfluss jüngster Inflationserfahrungen allmählich abnehmen, die Aufwärtsverzerrung ist jedoch ein generelles Phänomen, das wahrscheinlich bestehen bleibt. Bis jetzt war sie es weitgehend unproblematisch.
Ursachen der Aufwärtsverzerrung in Inflationserwartungen
Die Aufwärtsverzerrung in den Inflationserwartungen der Haushalte schwankt zwar im Zeitverlauf, ist in den Daten jedoch grundsätzlich präsent. Sie lässt sich zudem in vielen anderen Ländern außerhalb Europas beobachten – selbst in Zeiten niedriger Inflation. In zahlreichen wissenschaftlichen Studien wurde untersucht, wie Haushalte ihre Inflationserwartungen bilden und warum dabei hartnäckig nach oben verzerrte Einschätzungen entstehen können.
Ein zentrales Ergebnis dieser Forschung ist, dass das Verständnis vieler Haushalte für Inflation, für ihre Ursachen, ihre Folgen und ihre Messung, sowie die Aufmerksamkeit für das Thema oft begrenzt ist. Haushalte konzentrieren sich tendenziell auf häufig gekaufte Güter, gewichten besonders starke oder auffällige Preissteigerungen über, erinnern sich selektiv an extreme Veränderungen und orientieren sich an Informationsquellen, die nicht repräsentativ für die allgemeine Preisentwicklung sind.
Die Auswirkungen auf das Verbraucherverhalten sind nicht eindeutig und eher begrenzt
Zwar spielen Inflationswahrnehmungen für wirtschaftliche Entscheidungen eine Rolle, doch die empirische Evidenz zeigt, dass die Auswirkungen auf das tatsächliche Verhalten gemischt und oft begrenzt sind. Haushalte, die nach eigenen Angaben in den nächsten 12 Monaten eine Inflation von 10 Prozent erwarten, konsumieren und verhalten sich nicht auf eine Weise, die mit solch hohen Erwartungen vereinbar wäre. Tatsächlich werden Verhaltensreaktionen vor allem durch Veränderungen der Erwartungen im Zeitverlauf ausgelöst. Diese Veränderungen sind zwar von Bedeutung, aber es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die Aufwärtsverzerrung ihres Niveaus wichtig für die Geldpolitik ist.
Jüngsten Erfahrungen spielen eine Rolle und stellen heute einen Risikofaktor dar
Der Inflationsschub der Jahre 2022 bis 2023 im Euroraum war historisch groß und sehr präsent. Die Energie- und Lebensmittelpreise stiegen häufig und deutlich an, was sie für die Haushalte besonders präsent machte. Darüber hinaus sorgte eine intensive Berichterstattung in den Medien für zusätzliche Aufmerksamkeit. Wirtschaftswissenschaftliche Studien zeigen, dass solche Erfahrungen die Wahrnehmung über längere Zeit prägen können, selbst wenn die Inflation bereits wieder zurückgeht. Derzeit ist nicht zu erwarten, dass die Aufwärtsverzerrung in den kommenden Jahren deutlich schwächer wird. Die langfristigen Erwartungen sind bisher jedoch nahe am Zielwert der EZB geblieben. Sollte sich der derzeitige Energieschock in Europa jedoch in einer hohen und anhaltenden Inflation niederschlagen, ist das Risiko einer Entankerung der Inflationserwartungen der privaten Haushalte größer als in normalen Zeiten, da der Inflationsschub von 2021–2022 den Haushalten noch frisch in Erinnerung ist.
Begrenzte, aber wichtige politische Implikationen
Die allgemeine Verzerrung von Inflationserwartungen, unterstreicht die Bedeutung klarer und verständlicher Kommunikation. Inflation ist ein komplexes Konzept, und Haushalte orientieren sich naturgemäß an den Preisen, denen sie im Alltag häufig begegnen. Die Kommunikation der EZB sollte daher die subjektiven Perspektiven und die Kenntnis zu Inflation der Bevölkerung als Ausgangspunkt ernst nehmen. Zu erklären, wie Inflation gemessen wird und warum einzelne Preisänderungen von der allgemeinen Inflationsrate abweichen können, kann dazu beitragen, Wahrnehmungslücken langfristig zu verringern und mögliche Risiken für die Glaubwürdigkeit der EZB zu reduzieren.
Insgesamt deutet die Divergenz zwischen wahrgenommener und tatsächlicher Inflation derzeit nicht auf ein grundlegendes Problem für die Geldpolitik hin. Vielmehr handelt es sich um ein allgemeines Phänomen, das auch in Zeiten niedriger Inflation zu beobachten ist. Dennoch sollte gemeinsam politisch daran gearbeitet werden, das öffentliche Verständnis des Inflationsbegriffs und der Funktionsweise der Geldpolitik weiter zu stärken. Der derzeitige Inflationsdruck seitens macht dieses Thema umso aktueller.
Weitere Analysen finden Sie in SAFE White Paper No. 117
Peter Andre ist Professor für Behavioral Finance bei SAFE.
Claudia Schaffranka ist Co-Head im SAFE Policy Center.
Michael Weber ist Professor of Finance an der Purdue University Daniels School of Business und Research Affiliate bei SAFE.