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Stimmzettel als Denkzettel

Alfons Weichenrieder: Dampf ablassen auf Kosten anderer

Man stelle sich vor, die Kunden einer Dorfbäckerei sind unzufrieden mit der Qualität der dortigen Brötchen. Der eine oder andere lässt dies auch im Laden verlauten. Doch nichts ändert sich. Dann geht auf einmal ein Ruck durch die Kundschaft und sie läuft über zur Bäckerei des Nachbarortes, die noch viel schlechtere Brötchen verkauft. Oder man stelle sich vor, die Kunden einer deutschen Premiumautomarke wären nicht mehr ganz zufrieden mit der Straßenlage der Autos. Voll Zorn kaufen sie nun ein russisches Auto, nicht weil die besser wären, sondern weil man es diesen untätigen Autofirmen mal zeigen muss.

Dieses Verhalten wäre eine interessante Vorstellung, aber erscheint doch ziemlich unrealistisch. Denkzettel, bei denen sich die Kunden ins eigene Fleisch schneiden, gehören nicht zum üblichen Konsumentenverhalten.

Bei Wählern ist das anders. Viele Wähler geben in Befragungen unumwunden zu, dass sie sich von der gewählten neuen Partei keine Lösungen erwarten. Vielmehr stehe im Vordergrund, den Etablierten einen Denkzettel zu verpassen.

Womit lassen sich diese Unterschiede zwischen Konsumenten und Wählern erklären? Man kann natürlich einwenden, dass eine ernste politische Wahlentscheidung nicht vergleichbar sei mit dem einfachen Kauf von Sonntagsbrötchen, weil das Erregungspotential der Politik doch sehr viel höher ist. Ein bedeutsamer Unterschied ist aber auch, dass Wahlentscheidungen immer auch die Eigenschaft eines öffentlichen Gutes haben, weil die Auswirkungen alle betreffen. Hier liegt wahrscheinlich der Hase im Pfeffer. Wenn ich aus Protest über die schlechten Fahrwerte meiner deutschen Stammmarke einen russischen Standstreifenkönig kaufe, habe ich vielleicht in einem ersten Moment meinem Ärger Luft verschafft. Ich muss ich mich aber ganz alleine mit dem Alternativprodukt herumärgern. Wenn ich als verärgerter Wähler eine Protestpartei wähle, kann ich ebenfalls meinem Ärger Luft verschaffen.  Den Nachteil, den die entsprechende politische Inkompetenz mit sich bringt, den haben alle.

Alfons Weichenrieder ist Professor für Finanzwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt.

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