Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als zentrale Messgröße wirtschaftlicher Leistungskraft. Es ist Referenzpunkt für wirtschaftspolitische Debatten, für Schuldenregeln, Staatsquoten und Verteilungsdiskussionen. Doch was, wenn diese zentrale Kennzahl systematisch ein zu positives Bild zeichnet? Empirische Befunde legen nahe, dass genau dies zunehmend der Fall ist.
Der blinde Fleck des Bruttoinlandsprodukts
Das BIP misst die Summe aller in einer Volkswirtschaft produzierten Werte. Dabei zählt es auch die Investitionen, die lediglich den Verschleiß des Kapitalstocks, also die Abschreibungen ausgleichen. Diese Beträge zählen zum BIP, stehen aber nicht zur Verfügung, um Löhne zu zahlen, Gewinne auszuschütten oder staatliche Leistungen zu finanzieren, ohne dabei die wirtschaftliche Substanz anzugreifen.
An dieser Stelle setzt das Nettoinlandsprodukt (NIP) an: Es zieht die Abschreibungen vom BIP ab und misst damit die Einkommen, die tatsächlich in einem Jahr zur Verteilung zur Verfügung stehen. Lange Zeit spielte dieser Unterschied in der öffentlichen Debatte kaum eine Rolle. Doch das birgt Gefahren.
Die wachsende Lücke zwischen BIP und NIP
Für Deutschland zeigt sich seit der Wiedervereinigung ein klarer Trend. Der Anteil der Abschreibungen am BIP ist deutlich gestiegen: von 11,2 Prozent im Jahr 1970 auf 15,6 Prozent im Jahr 1991 und auf über 20 Prozent im Jahr 2024. Das bedeutet, dass ein immer größerer Teil dessen, was als wirtschaftliche Leistung gezählt wird, lediglich dem Erhalt des Kapitalstocks dient. Die nachfolgende Abbildung verdeutlicht die Entwicklung seit der Wiedervereinigung.
Anmerkung: Eigene Berechnungen auf der Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes (https://www-genesis.destatis.de).
Während das reale BIP zwischen 1991 und 2024 um ungefähr 48 Prozent wuchs, legte das reale NIP nur um ungefähr 39 Prozent zu. Das hat gravierende Konsequenzen. Pro Jahr lag das nominale Jahreswachstum des NIP im Durchschnitt knapp 0,2 Prozentpunkte unter dem des BIP. Anders formuliert: Das tatsächlich verteilbare Einkommen wuchs merklich langsamer als es die BIP-Zahlen nahelegen.
Warum steigen die Abschreibungen?
Mehrere Faktoren tragen zu dieser Entwicklung bei. Erstens hat sich die Struktur der Investitionen verändert. Seit der Einführung des Europäischen Systems Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnung (ESVG) 2010 werden Ausgaben für Forschung und Entwicklung als Investitionen verbucht und erhöhen das BIP. Diese immateriellen Vermögenswerte haben typischerweise eine kürzere Lebensdauer als klassische Sachanlagen und werden dementsprechend schneller abgeschrieben. Zweitens spielt die relative Preisentwicklung eine Rolle. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung werden Abschreibungen zu Wiederbeschaffungspreisen bewertet. Steigen die Preise für Investitionsgüter, etwa im Bauwesen, stärker als der allgemeine Preisindex, erhöht dies automatisch den Abschreibungsanteil am BIP. Gerade in den Jahren seit 2011 war dieser Effekt in Deutschland deutlich zu beobachten.
Verzerrte Quoten, verzerrte Debatten
Besonders problematisch wird die wachsende Kluft zwischen BIP und NIP dort, wo das BIP als Bezugsgröße für wirtschaftspolitisch zentrale Quoten dient. Schuldenquote, Staatsquote oder Sozialleistungsquote vermitteln dann ein Bild, das die tatsächliche Belastung der Volkswirtschaft unterschätzt.
Ein Beispiel: Ende 2024 betrug die deutsche Schuldenquote gemessen am BIP rund 59 Prozent. Bezogen auf das NIP lag sie hingegen bei fast 75 Prozent. Ähnlich fällt der Unterschied bei der Staatsquote aus: Statt knapp 50 Prozent auf Basis des BIP ergibt sich auf NIP-Basis hier ein Wert von über 62 Prozent. Das Ausmaß staatlicher Aktivität ist also deutlich größer, gemessen an den Einkommen, die tatsächlich verteilt werden können.
Kein deutsches Sonderproblem
Der steigende Abschreibungsanteil ist kein rein deutsches Phänomen. Für viele wohlhabende OECD-Länder zeigt sich im internationalen Vergleich ein ähnlicher Trend. In den USA, Kanada, Japan oder der Schweiz hat sich die Bedeutung der Abschreibungen ebenfalls erhöht.
Entsprechend divergieren auch die Schuldenquoten, je nachdem, ob sie auf das BIP oder das NIP bezogen werden. In vielen westeuropäischen Ländern wächst die NIP-basierte Schuldenquote schneller als die herkömmliche BIP-Quote, ein Umstand, der in fiskalpolitischen Regeln bislang kaum berücksichtigt wird.
Zeit für einen Perspektivwechsel?
Die Kritik am BIP als Wohlstandsmaß ist nicht neu. Schon die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission empfahl, stärker auf Netto-Größen abzustellen. Die hier diskutierten Befunde verleihen dieser Forderung neues Gewicht. Wenn der Abschreibungsanteil systematisch steigt, überschätzt das BIP nicht nur das Einkommenswachstum, sondern verzerrt auch Verteilungs- und Nachhaltigkeitsdebatten.
Das bedeutet nicht, dass das BIP als Konjunkturindikator obsolet wäre. Kurzfristige Schwankungen und Kapazitätsauslastung lassen sich weiterhin gut damit erfassen. Für Fragen der Verteilung, der Staatsfinanzen und der langfristigen Wohlfahrtsentwicklung jedoch spricht vieles dafür, dem NIP deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Wir rechnen uns reicher, als wir sind. Die wachsende Bedeutung der Abschreibungen führt dazu, dass das BIP die tatsächliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die zur Verfügung stehenden Einkommen zunehmend überschätzt. Dieser Effekt kann die Bepreisung von Staatsanleihen durch Finanzmarktakteure beeinflussen und zu höheren Risikoaufschlägen führen. Aktuelle Bezugsgrößen wie die Schuldenquote stehen in Zusammenhang mit dem Bruttowachstum, allerdings wird die Rückzahlungsfähigkeit von Staaten eher von den Nettoeinkommen abhängen. Länderspezifische Entwicklungen bei der Abschreibung als Prozentsatz des BIP können ebenfalls den länderübergreifenden Vergleich der Schuldentragfähigkeit in Frage stellen. Wer über Verteilungsspielräume, Staatsquoten oder fiskalische Nachhaltigkeit diskutiert, sollte diese Entwicklung nicht ignorieren. Ein stärkerer Fokus auf das Nettoinlandsprodukt kann helfen, wirtschaftspolitische Debatten realistischer und informierter zu führen.
Literatur: Alfons J. Weichenrieder (2026), Abschreibungen und die wachsende Kluft zwischen Brutto- und Nettoinlandsprodukt, erscheint in: Perspektiven der Wirtschaftspolitik.
Alfons J. Weichenrieder ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und öffentliche Finanzen an der Goethe-Universität Frankfurt.
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