03 Nov 2026

Wie aus Recht und Gesetzen Reichtum und Krisen entstehen

Nicht Märkte allein, sondern rechtliche Titel schaffen Kapital, argumentiert Katharina Pistor in ihrem neuen Buch und fordert eine demokratischere Rechtsordnung

Katharina Pistor steht an einem Rednerpult und präsentiert in einem modernen Hörsaal vor einem Publikum. Hinter Katharina Pistor sind drei große Projektionsflächen mit derselben Präsentationsfolie zu sehen. Die Zuhörenden sitzen in ansteigenden Sitzreihen und verfolgen den Vortrag. Im Raum sind Veranstaltungsbanner, ein Whiteboard und technische Ausstattung für Präsentationen sichtbar.

Die Rechtsprofessorin Katharina Pistor (Columbia Law School) versteht das Rechtssystem und die regulatorischen Rahmenbedingungen als Voraussetzung für die Entstehung und Absicherung von Vermögen. Ihre zentrale These lautet, dass der Kapitalismus nicht in erster Linie ein Wirtschaftssystem, sondern eine tief verwurzelte Rechtsordnung ist, die durch Gesetzgebung, Auslegung und Anwendung des Rechts geformt wird. 

Am 20. Oktober 2026 stellte sie im House of Finance an der Goethe-Universität Frankfurt ihr Buch „Das Gesetz des Kapitalismus und wie wir es überwinden können“ vor, das jetzt auch auf Deutsch verfügbar ist.

Forschung an der Schnittstelle von Recht und Finanzsystem

Pistors Pionierarbeit hat maßgeblich zum Verständnis der rechtlichen Grundlagen ökonomischer Systeme beigetragen und die Verbindung von Recht und Finanzwissenschaft als eigenständiges Forschungsfeld etabliert, das heute die Arbeit von LawFin und SAFE prägt. Ulrich Bindseil (Frankfurt School of Finance & Management und SAFE) beteiligte sich als Diskutant und Tobias Tröger (SAFE und LawFin) moderierte das Event. 

Während der deutsche Buchtitel von Überwinden spricht, ist im englischen Titel von Transformation die Rede („The Law of Capitalism and How to Transform It“). Pistor stellte klar, dass sie keinen Sozialismus anstrebe, sondern „eine Marktwirtschaft, die nicht auf rechtlichen Steroiden beruht“. Rechtliche Steroide wie etwa die beschränkte Haftung als zentrale Institution des Gesellschaftsrechts ermöglichten es zu oft, Gewinne zu privatisieren, während soziale und ökologische Folgekosten von der Allgemeinheit getragen werden müssten.

Den Kapitalismus transformieren oder überwinden? 

Laut Pistor muss der Kapitalismus nicht überwunden, sondern die soziale Marktwirtschaft erneuert werden. Profitinteressen dürften nicht allein den Ausschlag geben, insbesondere dort nicht, wo es um grundlegende Lebensbereiche wie Wohnen, Gesundheit oder Bildung geht. Grundlegende Fragen zu Eigentum, Verantwortung und Verteilung müssten neu gestellt werden. „Ich glaube, wir brauchen Utopien“, sagte sie.

Für Pistor entsteht daraus der entscheidende Widerspruch der Gegenwart: Wenn wirtschaftliche Macht rechtlich geschaffen und abgesichert werde, warum gelinge es demokratischen Gesellschaften dann kaum, die Regeln stärker am Gemeinwohl auszurichten? Viele rechtliche Strukturen begünstigten zunehmend die Interessen großer Vermögensinhaber. Gleichzeitig verstärken sich soziale und ökologische Krisen. Die Gesellschaft müsse daher neu darüber verhandeln, welchen Zwecken Recht und Wirtschaft dienen sollen.

Recht und Regulierung sind immer in Bewegung 

Pistor sieht das Rechtssystem als öffentliche soziale Ressource, die jedoch im Sinne einflussreicher Kapitalinteressen genutzt und gestaltet werde. Vermögenswerte entstünden durch rechtliche Codierung, die Güter, Forderungen und Ideen erst in Kapital verwandeln. Ein Haus werde etwa erst durch rechtlich abgesicherte Eigentumsrechte zu einem handelbaren Vermögenswert. Rechtliche Codierungen wandelten sich dabei fortlaufend und passten sich an. Eine Lehre aus den Krisen der 1920er- und 1930er-Jahren sei, „dass unbegrenzter Kapitalismus zu Krisen führt“. 

Doch auch während der stärker regulierten Nachkriegsordnung wurden Wege und Lücken gesucht, Beschränkungen wie Kapitalkontrollen wurden umgangen. Die Liberalisierung des Rechts, der Ausbau des Schattenbankensektors und neue Finanzinstrumente trugen zur Erosion dieser Ordnung bei und begünstigten die Finanzkrise von 2008.

Pistor: Müssen das „Privatrecht auf neue normative Basis stellen“ 

Der historische Blick zeigt Pistor zufolge ein immer wiederkehrendes Problem: Auf Krisen folgt eine rechtliche Einhegung, die aber stets lückenhaft bleibt; Unternehmen, Investor:innen und Jurist:innen nutzten diese Lücken zur Umgehung mit neuen rechtlichen und wirtschaftlichen Konstruktionen. Ihr zufolge stehen wir wieder an einem Punkt, an dem die gewachsene Rechtsordnung nicht mehr dem Wohle der Menschen dient. Um die Krisen unserer Zeit zu bewältigen, „brauchen wir eine gemeinsame normative Grundlage“, anhand derer wir „das Privatrecht auf eine neue normative Basis stellen“, beschrieb Pistor ihr Ziel.  

Ulrich Bindseil betonte, dass er Pistors Analyse aus der Praxiserfahrung an vielen Stellen „eins zu eins nachvollziehen“ könne. Zugleich richtete er den Blick stärker auf die Entstehung von Regulierung und die zunehmende Komplexität des Finanzsystems. Diese begünstige etablierte und gut organisierte Interessengruppen bei der Gestaltung von Regeln, sodass Regulierung nicht nur umgangen, sondern mitunter auch im Sinne der Regulierten geprägt werde. 

Codierte Macht: Demokratische Kontrolle über Recht und Daten zurückgewinnen 

Bindseil verwies zudem auf die starke Orientierung von Pistors Analyse am US-amerikanischen Fall. Pistor argumentierte jedoch, dass sich zahlreiche Entwicklungen mit einem zeitlichen Abstand von zehn bis zwanzig Jahren auch in Europa beobachten ließen. Gleichzeitig blieb offen, inwieweit sich diese Diagnose angesichts unterschiedlicher Rechtstraditionen und geopolitischer Verschiebungen auf Europa übertragen lässt. Vor dem Hintergrund einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft könnten sich Rechts- und Wirtschaftsordnungen künftig auch stärker auseinanderentwickeln. Für Europa stellte sich aktuell zudem die Frage, welche politischen und regulatorischen Antworten die derzeitige Wachstumsschwäche erfordere, hielt Bindseil fest.

Abschließend lenkte Pistor den Blick auf einen Bereich, in dem die wirtschaftliche Dynamik der USA aktuell besonders sichtbar wird: die digitale Wirtschaft. Im Zentrum ihres Interesses stehen dabei digitale Codes: Während Jurist:innen und Anwält:innen die rechtlichen Regeln des Zusammenlebens prägen, schreiben Technologieunternehmen mit Algorithmen und digitalen Infrastrukturen zunehmend technische Regeln fest. Um demokratische Kontrolle über Recht und Daten zurückzugewinnen, dürften weder Rechtscode noch digitaler Code im Interesse weniger privater Akteure ausgestaltet werden.