Der andauernde Krieg in der Ukraine und der Iran-Krieg erhöhen die globale Unsicherheit, während die deutsche und die europäische Wirtschaft ohnehin vor strukturellen Herausforderungen stehen. Wie stark sich der Konflikt in Nahost auf das Wirtschafts- und Finanzsystem auswirken wird, hängt sehr von seiner Dauer ab. Darüber waren sich die Experten bei der Paneldiskussion „Geopolitische Risiken und das Europäische Finanzsystem“ am 4. März 2026 einig. Eingeladen hatte die Gesellschaft zur Förderung des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE e.V.
Es diskutierten Matthias Danne, stellvertretender Vorsitzender der DeKaBank und Vorsitzender des gastgebenden Fördervereins, Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, Alexander Rodnyansky Associate Professor an der Universität Cambridge und zuvor wirtschaftlicher Berater des ukrainischen Präsidenten (von 2020 bis 2024) sowie Borges Hess, EY Senior Manager und Experte im Bereich Energie und Verteidigung. Florian Heider, Wissenschaftlicher Direktor von SAFE, moderierte die Veranstaltung.
Neue geopolitische Landschaft erfordert Anpassungen
Wie schafft Europa Innovation und Wachstum und wie kann es in einer Welt bestehen, in der vermehrt das Recht des Stärkeren und immer weniger die Stärke des Rechts zählt? Danne betonte: „Regeln haben nur dann einen Sinn, wenn man sie durchsetzen kann.” Er forderte, dass wirtschaftliche Resilienz auf der Prioritätenliste nach oben wandern müsse. Dazu gehörten verstärkte Öffentlich-Private-Partnerschaften (ÖPPs), bei denen der Staat etwa durch Nutzungsgarantien den Anreiz für private Investitionen schafft.
In der Ukraine habe der Überlebenskampf im Krieg einen enormen Strukturwandel und Veränderungen an den Finanzmärkten erzeugt, erläuterte Rodnyansky. Europa könne daraus etwa beim Thema Regulierung Lehren ziehen. Im Krieg gehe es darum, „schnell zu handeln und sich anzupassen”. Um innovativ zu sein, dürften vor allem kleine Unternehmen nicht überreguliert werden. Er stellte bezüglich der Veränderungen in der Ukraine fest: “Leider geht es nur darum, in welchem System der Anreize man sich befindet.”
Abhängigkeiten erschweren die Neuausrichtung
Europas Souveränität zu stärken erfordert viel Kapital und stärkere Zusammenarbeit. Herkenhoff verwies auf einen Paradigmenwechsel bei der Rüstungsfinanzierung, für die Banken früher scharf kritisiert worden seien. Insgesamt kämen aber zu wenige Investitionen aus dem privaten Sektor. Er plädierte für eine Vereinfachung von Regeln und tiefer integrierte europäische Kapitalmärkte.
Denn auch andernorts sei der Kapitalmarkt zur Finanzierung von Europas Souveränität gefragt. Etwa beim Thema Energie, bei der Entwicklung einer digitalen und technologischen Unabhängigkeit von den Diensten aus den USA oder von Rohstoffen und Technologie aus China.
Das Risiko einer Stagflation steigt
Die Gesamtlage ist angespannt, wie auch Heider hervorhob. Er sieht die Möglichkeit einer Stagflation auf Europa zukommen, bei der stagnierendes Wachstum mit einer von den Energiepreisen getriebenen Inflation zusammenkommen könnte. Die Länge des Konflikts in Nahost wird hier laut den Experten entscheidend sein. Je länger er sich hinzieht, desto wahrscheinlicher scheint eine Veränderung der konjunkturellen Erwartung.