SAFE Finance Blog

15 Apr 2021

Das extreme deutsche Exportmodell und der Finanzsektor

Der deutsche Finanzsektor gehört in mehrfacher Hinsicht zu den Opfern der zunehmenden Exportorientierung der deutschen Wirtschaft

Dieser Beitrag wurde verfasst von Benjamin Braun, Senior Researcher am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, und Andreas Nölke, Professor für Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt und SAFE Fellow.


In der Coronakrise wird vielfach die stabilisierende Rolle der deutschen Exporte betont, angesichts der wegbrechenden Wirtschaftsleistung in vielen lokalen Dienstleistungssektoren. Verglichen mit anderen großen Ökonomien sticht Deutschland durch einen weit überproportional großen Exportsektor heraus. Die deutsche Exportquote lag 2020 bei 43,5 Prozent der Wirtschaftsleistung und damit wesentlich höher als in anderen großen Wirtschaften wie Großbritannien (29,3 Prozent), Frankreich (27,4 Prozent), China (18,4 Prozent), Japan (16,4 Prozent) oder den USA (12,9 Prozent). Sie hat sich auch im zeitlichen Verlauf stark erhöht, in den frühen 1970er Jahren lag sie noch bei 15 Prozent.

Nun ist gegen ein hohes Exportvolumen nichts einzuwenden, vor allem wenn es auf wenig preissensiblen und forschungsintensiven Hochqualitätsgütern beruht. Die deutsche Industrie bewegt sich allerdings seit Jahrzehnten hin zu einem Modell, in dem Exporte zunehmend weniger über Spitzentechnologien erzielt werden, sondern vermehrt über preissensible – wenn auch hochwertige – Güter. Insbesondere für die erste Dekade nach dem Millennium stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eine deutliche Tendenz der deutschen Wirtschaft fest, ihre Exporterfolge weniger eindeutig über Produktqualität und zunehmend auch über Preiszurückhaltung zu erreichen.

Klare Nachteile in der Ausrichtung der deutschen Volkswirtschaft

Diese Ausrichtung der deutschen Ökonomie bringt klare Nachteile mit sich. Zu diesen Nachteilen gehört eine schwache Binnennachfrage und eine im internationalen Vergleich gedämpfte Kreditvergabe an Privathaushalte, insbesondere für den Erwerb von Immobilien. Beides ist bei einem hohen Anteil preissensitiver Exporte notwendig, um die Lohn-Preisdynamik niedrig zu halten. Letzteres ist der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten gut gelungen, insbesondere im Vergleich zu einigen anderen Mitgliedern der Eurozone. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Ökonomie gegenüber ihren Handelspartnern hat sich seit Mitte der 1990er Jahre deutlich verbessert. Die deutsche Volkswirtschaft hat gleichzeitig von der großzügigeren Kreditvergabe in anderen Ökonomien und der damit einhergehenden Nachfrage nach deutschen Gütern profitiert, vor allem vor der globalen Finanzkrise.

Der deutsche Finanzsektor gehört allerdings in mehrfacher Hinsicht zu den Opfern der zunehmend extremeren Exportorientierung der deutschen Wirtschaft. Zum Beispiel behindert Deutschland im Gegensatz zu vielen Nachbarländern die Vergabe von Immobilienkrediten durch vielfältige Maßnahmen, von hohen Grunderwerbssteuern und Notarkosten bis hin zu hohen Eigenkapitalanforderungen.

Entscheidend für die Auswirkungen des deutschen Exportmodells auf den Finanzsektor sind jedoch die ungewöhnlich hohen Gewinne, welche die deutschen Unternehmen vor allem dank der mäßigen Lohnentwicklung in den vergangenen 25 Jahren erzielten. Investitionen konnten dadurch mühelos aus einbehaltenen Gewinnen bezahlt werden. Die Banken wurden als Kapitalgeber für Firmenkredite daher viel seltener benötigt. Im Gegensatz zu allen anderen großen europäischen Ökonomien ging die Kreditaufnahme der (nichtfinanziellen) Unternehmen seit Mitte der 1990er-Jahre deutlich zurück. Hinzu kamen Verschiebungen innerhalb der Fremdkapitalaufnahme der Unternehmen. Der Anteil der einheimischen Bankkredite an den verbleibenden Schulden der Unternehmen sank in den vergangenen drei Jahrzehnten von 75 Prozent auf 50 Prozent, insbesondere zugunsten von ausländischen Banken und von Anleihen.

Bessere Ausbalancierung zwischen Export- und Binnennachfrage

Die großen deutschen Banken sahen den größten Rückgang ihres Marktanteils bei den Unternehmenskrediten – Sparkassen und Volksbanken hielten sich besser – und mussten sich um ein alternatives Geschäftsmodell bemühen. Sie fanden eine neue Rolle im Eigenhandel von Finanzprodukten und in der Anlage des von den Exportunternehmen und ihren Eigentümern angehäuften Kapitals. Beides war viel riskanter als traditionelle Unternehmenskredite im Inland – und nicht übermäßig erfolgreich, wie man am Zustand von Deutscher Bank und Commerzbank sieht, von den abgewickelten Landesbanken und der Hypo Real Estate, oder gar der Düsseldorfer IKB ganz zu schweigen. Eine Rückkehr zur „Deutschland AG“ des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts ist allerdings illusorisch.

Die legendären „Hausbanken“ arbeiteten damals mit den von ihnen betreuten Unternehmen eng und langfristig zusammen, oftmals auch als Ankeraktionäre und mit prominenter Vertretung im Aufsichtsrat. Die deutschen Banken haben inzwischen ihre Industriebeteiligungen verkauft, die deutschen Unternehmen werden die Existenz alternativer Finanzierungsquellen nicht missen wollen. Dennoch wäre es auch im Interesse des deutschen Finanzsektors, unsere Wirtschaft wieder besser auszubalancieren zwischen Export- und Binnennachfrage. Eine solche Ausbalancierung über höhere Löhne und staatliche Investitionen würde nicht nur den Beschäftigten und Nutznießern einer verbesserten Infrastruktur helfen, sondern über eine erhöhte Kreditnachfrage auch den deutschen Banken.


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