SAFE Finance Blog

20 Jul 2021

100 Billionen Dollar nachhaltiger Investitionen auf der Welt sollten nicht verschwendet werden

Unterschiedliche Messmethoden und ein mangelnder Konsens bei Nachhaltigkeits-, Sozial- und Governance-Kriterien könnten Einlagen in Millionenhöhe fehlleiten. Umso wichtiger ist es, Führungskräfte von morgen im Umgang mit den Chancen und Risiken von ESG-Themen zu schulen

Der Begriff ESG wurde im Jahr 2004 mit der Veröffentlichung des Berichts „Who Cares Wins“ der „Global Compact Initiative“ der Vereinten Nationen offiziell geprägt. Mit diesem Begriff soll das ehrgeizige Ziel verfolgt werden, drei Hauptsäulen einer ethischen Finanzwirtschaft zusammenzuführen, nämlich die ökologische („Environmental“), die soziale („Social“) und die Säule guter Unternehmensführung („Governance“).

Es ist jedoch nicht das erste Mal, dass sich Investor:innen nicht nur für den Gewinn, sondern auch für die sozialen Auswirkungen ihrer Anlagen interessieren. Das erste ethische Investment („Socially Responsible Investment“, SRI) geht auf das Jahr 1920 zurück, als eine kirchlichen Investorengruppe beschloss, nur noch Projekte mit hoher sozialer Wirkung zu finanzieren. Im Laufe der Jahre wurde diese Praxis immer populärer, insbesondere angesichts von Umweltkatastrophen wie in Santa Barbara im Jahr 1969, Bhopal 1984 oder Exxon Valdez 1989.

Nachhaltige Investments sind nicht länger ein Nischenprodukt

In den vergangenen Jahren haben die wachsende und objektive Besorgnis angesichts der globalen Erwärmung und der Auswirkungen der Finanzkrise von 2008 dazu geführt, dass das Interesse nachhaltig zu investieren deutlich angestiegen ist. Diese Art Investition hat mittlerweile ein breites, öffentliches Interesse geweckt und ist lange kein Nischenprodukt mehr. Deren Lenkungswirkung wird sogar noch relevanter, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen die Agenda der Europäischen Kommission für nachhaltige Finanzen und der Wiederaufbaufonds „Next Generation EU“ auf Finanzinvestitionen haben könnten.

Heute hat die Mehrheit der weltweiten Vermögensverwalter:innen die „Principles for Responsible Investment“ (PRI) der Vereinten Nationen unterzeichnet;sie repräsentieren ein verwaltetes Vermögen von rund 100 Billionen US-Dollar.

In dieser neuen und schnell expandierenden, aber noch nicht ausreichend und angemessen regulierten Branche benötigen Investierende, Führungskräfte und politische Entscheidungsträger:innen jedoch ein tieferes Verständnis der inhärenten Besonderheiten und ein breiteres Wissen über die potenziellen Auswirkungen der ESG-Dimensionen.

Die Rolle von ESG-Ratingagenturen

Gleichzeitig hat sich aufgrund des Interesses von Investor:innen der Markt für ESG-Daten und -Ratings deutlich entwickelt. Im SAFE Working Paper No. 284 „Inside the ESG Ratings: (Dis)agreement and Performance“ haben wir die Berechnungsmethodik, die verwendeten Metriken und die wichtigsten Unterschiede der vielen ESG-Ratingagenturen, die heute im Markt tätig sind, gegenübergestellt. Aus unserer Untersuchung geht hervor, dass das Fehlen einer gemeinsamen Definition, was ESG-Dimensionen korrekt widerspiegelt und was nicht, dazu geführt hat, dass die Agenturen unterschiedliche Maßstäbe für Analyse und Ranking verwenden.

Daher kann ein Unternehmen sehr unterschiedliche ESG-Ratings haben, je nachdem welche Agentur es bewertet hat. Dies hat enorme Auswirkungen sowohl auf der operativen Seite, also auf die Identifizierung zuverlässiger Benchmarks, als auch auf die Rendite. Tatsächlich zerstreut die Uneinigkeit über die Bewertungen der Rating-Agenturen die Wirkung der ESG-Präferenzen der Anleger:innen auf die Preise von Finanzanlagen bis zu dem Punkt, an dem selbst bei allgemeiner Zustimmung keine Auswirkung auf die finanzielle Performance zu verzeichnen ist.

Zu dieser Verwirrung tragen auch die Rating-Agenturen selbst bei, die sich aufgrund von Marktanforderungen gezwungen sehen, die Methodik zur Berechnung ihrer Ratings häufig zu ändern. Die Auswirkungen dieser Änderungen wurden in einem weiteren SAFE Working Paper No. 310 „The Salience of ESG Ratings for Stock Pricing“ hervorgehoben. Die Ergebnisse zeigen, wie „Pseudo“-Änderungen der ESG-Ratings, die durch die Änderung der Methodik entstehen (und nicht mit potenziellen fundamentalen Änderungen der Unternehmensnachhaltigkeit zusammenhängen), einen vorübergehenden Druck auf die Preise ausüben.

Weiterhin zeigt das Papier, dass Kleinanleger:innen besonders empfindlich auf Änderungen der ESG-Ratings reagieren und sich von Aktien trennen, von denen sie glauben, dass sie im Zusammenhang mit den ESG-Ratings herabgestuft wurden, und stattdessen in solche investieren, deren Ratings sich verbessern. Da diese Änderungen jedoch keine greifbare ökonomische Grundlage haben, agieren Leerverkäufer als Arbitrageure oder informierte Investoren und profitieren – quasi als Gegenspieler zu Kleinanleger:innen – buchstäblich von der „Verwirrung“, die die ESG-Ratingagenturen stiften.

Die Führungskräfte von morgen

Es liegt auf der Hand, dass das Navigieren in einer solch heterogenen und undurchsichtigen Umgebung erhebliche Risiken birgt – in erster Linie, indem es Investor:innen zu einer ineffizienten Allokation ihrer Ressourcen verleitet. In diesem Zusammenhang spielt die universitäre Ausbildung eine wichtige Rolle. Ausgehend von den Curricula in den Wirtschafts- und Finanzwissenschaften und auch in anderen Disziplinen müssen diese Themen mit akademischer Exaktheit behandelt werden. Der Bedarf an Fachkräften, die in der Lage sind, ESG-Kriterien in die Beurteilung der Kreditwürdigkeit zu integrieren und damit die mit dem Klimawandel verbundenen Risiken und Chancen zu bewerten, ist in dieser Hinsicht sehr hoch. Nur so ist es möglich, das Bewusstsein für nachhaltige Finanzthemen bei den Führungskräften von morgen zu schärfen.


Monica Billio ist Professorin für Ökonometrie an der Universität Venedig und SAFE Fellow.

Loriana Pelizzon ist Direktorin der SAFE-Forschungsabteilung „Financial Markets“ und Professorin für Law and Finance an der Goethe-Universität Frankfurt.

Blogbeiträge repräsentieren die persönlichen Ansichten der Autor:innen und nicht notwendigerweise die von SAFE oder seiner Mitarbeiter:innen.

Dieser Beitrag wurde zuerst am 26. März 2021 über die Plattform Lavoce.info veröffentlicht.