30 Mar 2021

Finanzmarktstabilität in der Coronakrise – Lockerungen in der Bankenaufsicht können langfristig das Gegenteil bewirken 

In einem SAFE White Paper zeigen Finanz- und Rechtswissenschaftler, dass die in der Coronakrise gelockerten Regularien für Banken die tatsächlichen Risiken in den Bankbilanzen verschleiern – langfristig werden so Investoren verunsichert und die Finanzmarktstabilität gefährdet 

Die Banken in der Coronakrise entlasten, damit weiterhin die Wirtschaft liquide bleibt, ist das erklärte Ziel, das die Europäische Zentralbank (EZB) als zentraler Aufseher im einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus („Single Supervisory Mechanism“, SSM) mit bestimmten Lockerungen verfolgt hat. Die Freigabe der Kapitalpuffer und die großzügigen Freiräume bei der Anwendung der Rechnungslegungsstandards (IFRS 9) haben sehr wahrscheinlich eine erneute Bankenkrise verhindert. Dennoch müssten zeitnah die Aufsichtsstandards vor Corona wieder gelten.  

In einem White Paper des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE zeigen Rechts- und Finanzexperten, dass v.a. die Nachsicht bei der Verlustvorsorge die Bilanzen der Banken so verzerren, dass die Lockerungsmaßnahmen am Ende das Gegenteil bewirken und die Finanzmarktstabilität und die wirtschaftliche Erholung gefährden können.  

Tobias Tröger, Direktor des SAFE-Forschungsclusters Law & Finance, und der Professor für Finanzökonomie und SAFE Fellow Rainer Haselmann von der Goethe-Universität Frankfurt haben in einer Analyse im Auftrag des Europäischen Parlaments untersucht, wie sich die Kapitalausstattung von Banken ohne aufsichtliche Lockerungen entwickelt hätte, und geben Empfehlungen ab, wann und wie die Unterstützungen eingestellt werden sollten.

Tatsächliche Solvenz der Banken verschleiert   

In ihrer Untersuchung berechnen die Wissenschaftler, wie sich ein Rezessionsschock ähnlich dem der Finanzkrise im Jahr 2009 auf die Bilanz deutscher Banken ausgewirkt hätte und kommen zu einer niedrigen harten Kernkapitalquote (CET1-Quote) ,die zirka 16 Prozent der Bankbilanzen nicht gedeckt hätte. „Die gesenkten Kapitalanforderungen und großzügigere Auslegung der Rechnungslegungsstandards haben sehr wahrscheinlich eine erneute Bankenkrise verhindert“, erklärt Tröger. Die Maßnahmen der EZB hätten somit das Ziel, Banken liquide zu halten, erreicht. Allerdings verschleiere die so verzerrte Kapitalquote die tatsächliche Solvenz der Kreditinstitute.  

Die Autoren plädieren für eine schnellstmögliche Rückkehr zu einer den tatsächlichen makroökonomischen Entwicklungen entsprechenden Anwendung der Rechnungslegungsstandards für aufsichtliche Zwecke, wie sie vor Ausbruch der Coronapandemie üblich war. Zu optimistische Zahlen, wie sie durch die EZB-Maßnahmen entstehen, würden nicht nur Investoren verunsichern, sondern auch unterkapitalisierte Banken am Leben halten. „Schlecht kapitalisierte Banken werden kaum einen Beitrag für eine schnelle wirtschaftliche Erholung von der Krise leisten können“, so Rainer Haselmann, „der Bankenstresstest 2021 sollte dazu genutzt werden, alle Banken zu prüfen und ein realistisches Bild ihrer Vermögenslage zu vermitteln.“  

Während Banken, die nach der Coronakrise die Kapitalanforderungen nicht erfüllen können, abgewickelt werden müssten, sollten alle gesunden Banken unabhängig von ihrer Größe durch einen supranationalen, Covid-spezifischen Fond rekapitalisiert werden. Das Vorbild könne hier das US-amerikanische „Troubled Asset Relief Program“ (TARP) sein.

Das SAFE White Paper No. 83 zum Download


Wissenschaftlicher Kontakt: 

Tobias Tröger 
Cluster Director Law and Finance 
Email: troegerwhatever@safe-frankfurt.de
Tel:: +49 69 798 34391