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„Die nächsten Jahre können entscheidend sein“

Die Zeit ist begrenzt, um eventuelle Folgen des Klimawandels abzumildern. Holger Kraft spricht im Interview über die Klimakonferenz in Kattowitz, die Strategie der EU und das Klassifizierungsproblem grüner Bonds

Vor kurzem endete im polnischen Kattowitz die UN-Klimakonferenz. Sie beschäftigen sich mit den ökonomischen Wirkungen des Klimawandels. Wie bewerten Sie die Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft?

Das Problem ist, dass die internationale Gemeinschaft in einem sehr langen Zeithorizont denkt. Bei den Verhandlungen geht es um Ziele für die nächsten 30 Jahre. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, der im Moment anscheinend zu erreichen ist. Viele Klimaforscher denken aber, dass die nächsten 15 bis 20 Jahre entscheidend sein könnten. Ich habe zwei Sorgen: Erstmal ist der Zeitraum zu lang, und zweitens ist nicht klar, ob die Staaten sich überhaupt an die Vereinbarungen halten werden. Problematisch ist das vor allem, weil es in der Klimaforschung so genannte Tipping-Points gibt. Wenn beispielsweise die globale Temperatur über eine bestimmte Grenze steigt, folgen Domino-Effekte. Die Klimaveränderung lässt sich dann nicht einfach wieder zurückdrehen. Nur ein Beispiel: Sollte der Norden Sibiriens sich so stark erwärmen, dass die Permafrostböden auftauen, werden große Mengen von Gasen wie Methan freigesetzt. Das hätte Konsequenzen für das Klima, die sich nicht ohne Weiteres umkehren lassen.

Ein wichtiges Thema auf der Konferenz war, konsistente und transparente Normen zu entwickeln, mit dem die Treibhausgas-Emissionen der einzelnen Staaten sowie deren Bemühungen um den Klimaschutz überprüf- und vergleichbar werden. Warum ist das so schwierig?

Das große Problem ist die Unterscheidbarkeit: Was ist wirklich nachhaltig und klimaneutral, und was nicht? Die Abstufungen sind schwer zu fassen. Nicht alles, was ein Automobilhersteller macht, ist automatisch „nicht nachhaltig“. Nehmen Sie auf der anderen Seite einen Hersteller von Solarpaneelen – auch dort gibt es vielleicht Dienstfahrten oder andere Bereiche des Geschäftsbetriebes, die nicht nachhaltig sind. In der Finanzbranche ist die Klassifizierung derzeit ein großes Thema, weil grüne Bonds auch ein sehr interessanter Markt sind. Die Frage ist: Wie sollen CO2-Emissionen dort berücksichtigt werden? Es ist mit großer politischer Unsicherheit verbunden, was in der Zukunft mit CO2-Emissionen passiert, ob diese beispielsweise mit Steuern belegt werden. Gerade bei Finanzgeschäften ist das eine komplizierte Sache: Nehmen wir an, eine Bank vergibt einen Kredit für die Modernisierung von alten Heizungen. Gesamt- und klimaökonomisch sicher eine sinnvolle Sache, aber auch danach produzieren die Heizungen Emissionen. Soll die Bank deshalb bestraft werden, weil sie indirekt an diesen Emissionen beteiligt ist?

Schon vor dem Gipfel hat die EU ihre Klimastrategie vorgestellt. Danach strebt sie eine klimaneutrale EU-Wirtschaft bis 2050 an, die Kosten belaufen sich auf bis zu 290 Milliarden Euro im Jahr. Ist das aus Ihrer Sicht ein realistisches Ziel?

Auch hier ist der Zeithorizont sehr lang. Interessant ist, dass schon die Wahrnehmung in der EU auseinanderfällt. Nicht alle europäischen Staaten sehen die deutsche Klimapolitik uneingeschränkt positiv, weil wir hierzulande beispielsweise noch an Kohlekraftwerken festhalten. Deutschland wiederum sieht sich als Vorreiter und versucht, mittelfristig sowohl aus der Kohle- als auch der Atomkraft auszusteigen – das gleichzeitig zu machen ist ein sehr ambitioniertes Ziel. In jedem Fall ist eine klimaneutrale Wirtschaft ein Projekt, das gewaltige Anstrengungen und enorm viel Geld erfordern wird. Denken Sie nur an den Energie- oder den Verkehrssektor. Natürlich reden wir hier über sehr viel Geld. Wenn alles nicht so schlimm kommt mit dem Klimawandel wie von manchen Klimaforschern befürchtet, wären also finanzielle Mittel möglicherweise umsonst ausgegeben worden. Wenn das Negativ-Szenario aber doch auftritt, und man hat nichts getan, dann haben wir unter Umständen ein Riesenproblem.

Deutschland hinkt den eigenen Klimazielen hinterher. Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit sich das ändert?

Dazu müsste Deutschland die Sektoren massiv verändern, die besonders stark zur Verschmutzung beitragen: Das sind der Energie- und der Verkehrsbereich. Haushalte und die Industrie sind auch ein Problem, das berührt praktisch jeden Lebensbereich. Kurzum: Man muss zunächst das Offensichtliche angehen und die finanziellen Mittel möglichst effizient einsetzen.

Glauben Sie, dass der technische Fortschritt ein Hebel sein könnte, um die Probleme zu begrenzen, die der Klimawandel mit sich bringt?

Es gibt Überlegungen, direkt in das Klima einzugreifen und so die Erwärmung zu verringern oder zu verlangsamen. Das so genannte Geoengineering lässt sich grob in zwei Kategorien teilen: Erstens sind das technische Maßnahmen, um Kohlendioxid aus der Luft zu binden und zu speichern. Das Problem ist, dass diese Ideen noch in der Entwicklung und sehr teuer sind. Zweitens geht es um Maßnahmen, um die Sonneneinstrahlung auf der Erde zu verringern, etwa indem man beispielsweise mehr Partikel in die Stratosphäre bringt – ein ähnlicher Effekt wie bei einem Vulkanausbruch. Ich halte das für ein schwer zu kalkulierendes Risiko. Problematisch können diese Überlegungen auch deswegen sein, wenn sie dazu führen, dass wir uns zu sehr auf den wissenschaftlichen Fortschritt verlassen und deshalb die erforderlichen Maßnahmen heute vernachlässigen. 

Holger Kraft ist Inhaber des Lehrstuhls für Asset Pricing an der Goethe-Universität Frankfurt.

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