„Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir schnell sein“

SAFE Policy Lecture: Der litauische Finanzminister Vilius Šapoka fordert eine europäische Fintech-Union

Der litauische Finanzminister Vilius Šapoka fordert die europäische Politik auf, sich mehr auf die Chancen von Finanzinnovationen als auf ihre Risiken zu konzentrieren. Bei einer SAFE Policy Lecture am 12. April an der Goethe-Universität warb er für eine Europäische Fintech-Union. Crowdfunding und Peer-to-Peer-Kredite seien beispielsweise nach wie vor nationalen Regelungen unterworfen, sagte er. Šapoka befürwortete einheitliche Standards und eine zentrale Marktaufsicht. Er erwartet, dass disruptive Innovationen im Finanzwesen bei Fintechs stattfinden werden, nicht im traditionellen Bankensektor.

In der Vergangenheit hätten sich europäische Reformen auf die Stabilität der Finanzmärkte und die Ungleichgewichte innerhalb der Europäischen Union konzentriert und zugleich die globale Wettbewerbsfähigkeit mit China und den USA vernachlässigt.  Wenn die EU eine führende Rolle in der Finanzwelt übernehmen wolle, müsse auch sie bereit sein, Risiken einzugehen, sagte er. „Wenn wir uns nur auf die Risiken konzentrieren, werden wir scheitern. Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir schnell sein“, betonte Šapoka.  Risiken einzugehen könne sich auszahlen, fügte er hinzu und verwies auf Litauen als Beispiel. Nach Großbritannien habe sich das baltische Republik zum zweitbeliebtesten Ziel für Fintech-Unternehmen in Europa entwickelt, sagte er.

Die Europäische Union stehe derzeit vor drei großen Herausforderungen, erklärte Šapoka. Dies sei erstens eine tiefgreifende Transformation der Finanzmärkte, die durch technologischen Fortschritt und neue Geschäftsmodelle, den Klimawandel und unter anderem durch ein sich veränderndes Konsumentenverhalten verursacht werde. Aus diesen Gründen könne das traditionelle Bankwesen nicht mehr alle Kundenbedürfnisse erfüllen, sagte er.

Zweitens schwächt der Brexit aus der Sicht von Šapoka die Rolle der EU weiter. Historisch gesehen sei das Vereinigte Königreich ein europäischer Vorreiter in den Bereichen der Finanzregulierung, der Aufsicht und Financial Engineering gewesen. „Großbritannien ist das Finanzzentrum Europas", sagte Šapoka. Da die Kapitalmarktunion noch lange nicht abgeschlossen sei, werde der Brexit zu einem noch stärker fragmentierten europäischen Finanzmarkt führen. Ohne grundlegende Veränderungen des Marktes erscheint es Šapoka unwahrscheinlich, dass Europa aufholen könne.

Drittens sei das Risikomanagement nach wie vor eine Herausforderung, warnte er. Auf der einen Seite bleibe die Finanzstabilität auf der Tagesordnung, auf der anderen Seite würden die Risiken der Cybersicherheit und die Frage, wie Verbraucherdaten geschützt werden können, stärker ins Blickfeld rücken. Auch in diesem Bereich rief Šapoka zur Harmonisierung auf europäischer Ebene auf. „Kooperation reicht nicht aus, wenn sie nicht zu gemeinsamen Handeln führt“, warnte er.

Litauen strebt danach, ein Hightech-Land zu werden

Šapoka argumentierte, dass Fintech und Blockchain die Funktionsweise der Finanzmärkte verändern könnten. Es sei jedoch schwer abzuschätzen, wie der technologische Fortschritt Geschäftsmodelle und Marktstrukturen verändern werde. „Niemand kann sagen, wie die Situation in zehn Jahren aussehen wird“, sagte er. Neue Akteure wie Amazon oder Google könnten ihre Aktivitäten auf den Finanzmärkten intensivieren und dadurch noch mehr Druck auf traditionelle Banken ausüben.

Für Šapoka ist nachhaltige Finanzwirtschaft ein Bereich, in dem die EU eine führende Rolle bei der Entwicklung einer globalen Agenda spielen kann. Er warnte davor, dass auf lange Sicht nicht nachhaltige Projekte aufgrund des Einflusses von Aktionären verdrängt würden. Šapoka sagte, dass „Nachhaltigkeit“ ein dynamisches Ziel sei: Was heute als „ökologisch nachhaltig“ wahrgenommen werde, würde morgen vielleicht nicht mehr als solches betrachtet werden. Was es bedeute, könne von Person zu Person unterschiedlich sein, was es sehr schwierig mache, sich auf eine einheitliche Definition von "nachhaltigen" Finanzprodukten zu einigen. Für Šapoka ist eine gemeinsame Taxonomie in der EU ein Schritt in die richtige Richtung, aber könne dieses allgemeine Problem nicht lösen. In diesem Zusammenhang hob er auch die Fortschritte seines Landes hervor, da die litauische Regierung Kapital in Form von privaten als auch öffentlichen Green Bonds in die Renovierung energieeffizienter Gebäude gelenkt habe.

Litauen strebt danach, ein Hightech-Land zu werden. Šapoka´s Vision dafür ist „Litechnica“, wobei Fintech zum Erfolg führen soll. Er betonte zwei wesentliche Elemente des litauischen Aktionsplans: Erstens biete das Land starke steuerliche Anreize für Finanzinnovationen, wie Steuererleichterungen für Start-ups, einen niedrigen Gewinnsteuersatz und eine Abzugsfähigkeit der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Zweitens statte das baltische Land die Regulierungsbehörden mit ausreichenden Ressourcen aus und beseitige so bürokratische Ineffizienzen. Dadurch verfüge Litauen beispielsweise über das schnellste Genehmigungsverfahren in der Europäischen Union, sagte Šapoka.


Video der SAFE Policy Lecture (in englischer Sprache) mit Vilius Šapoka: Speed vs. Security in Europe' Financial Sector. How to Find Balance?