Kerstin af Jochnick: "Schwache Ertragskraft wird weiter ein Problem für die Stabilität bleiben"

Frankfurt Conference on Financial Market Policy 2019: Debatte über die Frage, ob es im europäischen Bankensektor zu viel Wettbewerb gibt

Durch regulatorische Reformen und die nach der Finanzkrise 2008 eingeleitete Europäische Bankenunion gelten die europäischen Finanzmärkte heute als stabiler. Zehn Jahre nach der Krise ist die Profitabilität der Banken jedoch immer noch niedrig, was sich zu einer Bedrohung für die Finanzstabilität entwickeln könnte. Bei der Frankfurt Conference on Financial Market Policy 2019 im November diskutierten Wissenschaftler, Marktteilnehmer und politische Entscheidungsträger darüber, welche Auswirkungen der Wettbewerb im Bankenmarkt auf Stabilität und Effizienz hat.

Kerstin af Jochnick, zuletzt in den Aufsichtsrats des Einheitlichen Bankenaufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism, SSM) berufen, eröffnete die Konferenz und betonte in ihrer Rede, dass sich aus aufsichtsrechtlicher Sicht die allgemeine Widerstandsfähigkeit des Bankensystems in den letzten Jahren stark verbessert habe. Allerdings würden die  Aufsichtsbehörden den Wettbewerb auf dem Bankenmarkt mit wachsender Sorge beobachten, sagte sie. Anhaltend niedrige Erträge würde die Fähigkeit der Banken beeinträchtigen, in Zukunft Kapitalpuffer aufzubauen. Zu viel Wettbewerb verringere die Marktmacht und führe zu niedrigen Gewinnen: "Der europäische Bankensektor ist wahrscheinlich überdimensioniert", warnte af Jochnick. Die Banken könnten deshalb ermutigt sein, höhere Risiken einzugehen, was als eine weitere Bedrohung für die Finanzstabilität angesehen wird.

Bankenunion vollenden für stärkere Ertragskraft

"Schwache Erträge werden weiter ein Problem für die Stabilität bleiben", sagte af Jochnick. Die Vertiefung der Europäischen Bankenunion und die Vollendung der Kapitalmarktunion seien unerlässlich, um das Finanzsystem stabiler zu machen und die Ertragskraft der Banken zu stärken. Seltene grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen würden jedoch für einen nicht vollständig integrierten SSM in den europäischen Bankenmärkten sprechen und Größenvorteile würden nicht genutzt. Af Jochnick betonte, dass die rechtliche Fragmentierung in Europa reduziert werden sollte.  Insbesondere die nationalen Insolvenzregelungen müssten harmonisiert werden, da eine Bankenabwicklung durch den Einheitlichen Bankenabwicklungsmechanismus (Single Resolution Board, SRB) eher die Ausnahme als die Regel sei. Darüber hinaus sei es insbesondere Zeit für Fortschritte bei der gemeinsamen Einlagensicherung: "Eine gemeinsame Einlagensicherung würde die Verflechtung zwischen Staat und Banken beseitigen", sagte af Jochnik. Alle diese Schritte hin zu einer Marktintegration würden eine Konsolidierung von schwachen Banken und Marktaustritte ohne größere Verwerfungen ermöglichen. Eine Konsolidierung des Bankenmarktes würde automatisch die Ertragskraft der fittesten Institute wiederherstellen.

Abschließend hob sie die Bedeutung der Vollendung der Europäischen Bankenunion hervor. "Eine Bankenunion, die nicht vollständig ist, kann kaum nachhaltig sein“, sagte sie. Eine stärkere Integration des europäischen Marktes sei dringend notwendig, so der Grundtenor ihrer Rede.

Inwiefern Banken durch die Digitalisierung künftig beeinflusst werden, sei derzeit noch nicht abzusehen, so af Jochnick abschließend. Neue Anbieter von Finanzdienstleistungen könnten positiv auf Innovation und Wettbewerb wirken, aber dies könne auch neue regulatorische Fragen aufwerfen. Af Jochnick machte deutlich, dass das Wettbewerbsumfeld von vielen Faktoren geprägt sei und übergab die Frage nach mehr oder weniger Wettbewerb an die Diskussionsteilnehmer.

Trade-off zwischen Wettbewerb und Stabilität

Das erste Panel befasste sich mit dem Trade-off zwischen Wettbewerb und Finanzstabilität. Ignazio Angeloni, Harvard Kennedy School und SAFE, sagte, dass sich, aus einer historischen Perspektive  gesehen,  die Liberalisierung des Bankenmarktes als Bedrohung für die Finanzstabilität erwiesen habe.

Isabel Schnabel, Universität Bonn und Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR), präsentierte empirische Belege aus dem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht des SVR für viele Thesen, die af Jochnick in ihrer Rede angesprochen hatte. So würden vor allem die höheren Eigenkapitalanforderungen die Erträge der Banken nicht belasten. Vielmehr habe sich die Steigung der Zinskurve, die durch die Geldpolitik geprägt wird, als treibender Faktor erwiesen. Schnabel zufolge gibt es noch Raum für strengere makroprudenzielle Maßnahmen.

Schnabel sagte, dass grenzüberschreitende Fusionen dabei helfen könnten, einen tatsächlich europäischen Bankenmarkt zu schaffen.  Das „too-big-to-fail“-Problem würde insofern abgeschwächt, als dass jedes Institut im Vergleich zum integrierten Markt klein wäre. Schnabel stimmte der These zu, dass Technologieunternehmen bislang noch nicht in starkem Maße mit traditionellen Banken konkurrieren würden. Allerdings werde die Digitalisierung den Markt strukturell verändern. "Die Skalierung digitaler Geschäftsmodelle erfordert einen europäischen Markt", sagte Schnabel abschließend.

SAFE-Direktor Jan Pieter Krahnen stellte den Ansatz des SSM für die Vollendung der Bankenunion in Frage: "Die Aufsicht läuft Gefahr, falsche Schlüsse zu ziehen", sagte er. Eine niedrige Ertragskraft bedeute nicht unbedingt ein hohes Risiko, sagte er und erinnerte die Zuhörer daran, dass das Bankwesen vor der Finanzkrise profitabel, aber nicht stabil gewesen sei.

Die Bankenunion habe zum Ziel gehabt, die Marktdisziplin wiederherstellen, sagte er. Eine höhere Profitabilität solle dagegen kein Ziel der Aufsichtsbehörden sein: "Die Finanzaufsicht ist kein Trainer, sondern ein Schiedsrichter", sagte er. Die Funktion eines Trainers würde bedeuten, auch die Verantwortung für die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells zu übernehmen, kritisierte Krahnen. Aufsichtsaktivitäten in jüngster Zeit  würden darauf hindeuten, dass der SSM den Marktaustritt von Banken vermeiden wolle, argumentierte er. Eine Institutsabwicklung ohne Erschütterungen des Gesamtsystems sei jedoch der Schlüssel zur Finanzstabilität.

Für Luc Laeven von der Europäischen Zentralbank (EZB) bestehen die Hauptziele der Bankenunion darin,  gleiche Wettbewerbsbedingungen in ganz Europa zu schaffen, Regeln zu vereinheitlichen und so das Entstehen eines tatsächlich europäischen Marktes anzuregen. Der Betonung der Wichtigkeit von Marktaustritten stimmte er nicht zu. In seiner Rede wies er darauf hin, dass die Wirtschaftstheorie keine eindeutigen Vorhersagen über den Trade-off zwischen Wettbewerb und Finanzstabilität mache. Diese Abwägung hänge letztendlich von den Kosten eines Bankenausfalls ab und davon, wie diese Kosten von der Marktstruktur beeinflusst würden. Dies sei anhand der Daten nur schwer zu sagen, da, neben weiteren Problemen, der Wettbewerb selbst schwer zu quantifizieren sei.

Die Zukunft des Bankwesens

Das zweite Panel ging der Frage nach, ob auch in Zukunft noch traditionelle Bankdienstleistungen benötigt werden. Tara Rice, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), argumentierte, dass es sowohl angebots- als auch nachfrageseitige Gründe für Wettbewerb bei Zahlungsdiensten gebe. Beispielsweise seien traditionelle Banken besser darin, persönliche Finanzdaten zu schützen. Auf der anderen Seite würden Technologieunternehmen allgemein über fortgeschrittenere Technologien verfügen; große Technologieunternehmen hätten zudem eine breitere Kundenbasis und könnten mit ihrer Orientierung auf die Kundeninteressen punkten. Rice kam zu dem Schluss, dass die Zukunft der Banken von ihrer Fähigkeit abhänge, die Erwartungen der Kunden zu erfüllen.

Das Panel war sich einig, dass „DNA“ die großen Technologieunternehmen zu ernsthaften Herausforderern der Banken mache: Nämlich Daten, Netzwerke und Analytik. Während Banken im Datenbereich überlegen seien, wären für Fintechs die Plattform und die Kunden entscheidend, sagte Andreas Hackethal, SAFE und Goethe-Universität. "Es ist verblüffend: Eine Industrie, die auf Informationsverarbeitung basiert, wird von Unternehmen erobert, die einen Vorteil bei der `DNA´ haben", sagte er.

Alexandra Hachmeister (Deutsche Börse) zufolge ist die Rolle von Daten für die Finanzmärkte und die technologische Umwälzung beispiellos: Als die Märkte sich vom Börsenparkett hin zum elektronischen Handel entwickelten, seien die Prozesse effizienter geworden; die dahinterliegende Funktion sei aber unverändert geblieben. Dieses Mal würde die Infrastruktur jedoch dezentralisiert werden, also plattformbasiert sein, betonte sie. Dennoch bleibe aus ihrer Sicht weiter Raum für eine zentralisierte Struktur: Vertrauen sei der Schlüssel zu hochwertigen Daten; Technologie sei dagegen nicht in der Lage, dieses Vertrauen aufzubauen.

Hohe Kosten 

Im dritten Panel betonte Lorenzo Bini Smaghi, Société Générale und LUISS School of European Political Economy, dass die Banken nach wie vor eine führende Rolle bei der Finanzierung der europäischen Wirtschaft spielen würden. Diese Tatsache mache ihren Gesamtzustand zu einem vorrangigen Anliegen der politischen Entscheidungsträger mache. Das Projekt der Bankenunion müsse den nationalen Ermessensspielraum beseitigen, um die Mobilität von Kapital und Liquidität zu drosseln, schlug er vor. Aufgrund der starren Arbeitsmärkte in ganz Europa sei die Anpassung der Geschäftsmodelle der Banken mit hohen Kosten verbunden. Die negativen Leitzinsen heute würden die Zurückhaltung widerspiegeln, nicht früher mit der Politik der  quantitativen Lockerung (Quantitative Easing) begonnen zu haben, argumentierte Bini Smaghi. "Ich bezweifle, dass wir den Transmissionsmechanismus der Geldpolitik vollständig verstanden haben", sagte er.

Olena Havrylchyk, Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne, wies darauf hin, dass es nicht um die Institutionen, sondern vielmehr um ihre Funktionen gehe: "Bankgeschäfte sind notwendig, aber Banken nicht", sagte sie und zitierte dabei Bill Gates. Daher sollte sich die Diskussion auf den technologischen Fortschritt im Bankensektor konzentrieren, sagte sie. Theoretisch sollte fortgeschrittene Technologie die Kosten der Finanzintermediation senken, aber in der Praxis seien die Betriebskosten nicht gesunken. Sie argumentierte, dass die regulatorische Behandlung von Technologieunternehmen, die in den europäischen Markt eintreten würden, nicht ihrer tatsächlichen Marktmacht entsprächen: Tochtergesellschaften großer Technologieunternehmen (wie zum Beispiel Apple Pay) würden als Fintechs mit geringer Marktmacht behandelt. "Die Regulierungsbehörden sollten viel vorausschauender agieren", forderte Havrylchyk. Es gebe zahlreiche Hinweise, dass sich Marktmacht schnell aufbauen könne. Um jene der großen Technologieunternehmen zu begrenzen, schlug Havrylchyk vor, die von den Banken gespeicherten Finanzdaten anderen Unternehmen, einschließlich Fintechs, zur Verfügung zu stellen.

Martin Hellwig, Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, argumentierte, dass gesellschaftliche Opportunitätskosten die privaten übersteigen würden: "Banken wollen kein Eigenkapital aufnehmen", sagte er. Dies würde den Schuldnern einen Vorteil auf Kosten der Aktionäre bieten. Banker hätten einen Anreiz, den Verschuldungsgrad zu erhöhen und von einer Rekapitalisierung Abstand zu nehmen, sagte er. Hellwig argumentierte weiter, dass die Zentralbank neben vielen wichtigen strukturellen Gründen, die zum Niedrigzinsumfeld beitragen würden, auch als Konkurrent der Geschäftsbanken auftreten würde. "Wenn die Risikoprämie die einzige Prämie ist, die Banken verdienen können, werden sie gewillt sein, sich für die Übernahme des Risikos bezahlen lassen", sagte er mit Blick auf die Geldpolitik. Aus der Sicht von Hellwig sind künstliche Austrittsbarrieren ein wichtiger Treiber für die schlechte Profitabilität. Der Fall der Landesbanken hätte gezeigt, dass es kein praktikables Abwicklungsverfahren gebe.