"China wird mehr Verantwortung in der Welt übernehmen müssen"

SAFE Policy Lecture: Justin Yifu Lin, der ehemalige Chefökonom der Weltbank, sieht großes Potential für Chinas Volkswirtschaft

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich China von einem der ärmsten Länder zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gewandelt. Kann sich diese Entwicklung fortsetzen oder wird China künftig vor ernsthaften wirtschaftlichen Problemen stehen? Justin Yifu Lin, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und jetzt Professor an der Peking-Universität, blickt optimistisch in die Zukunft. Er erwartet, dass China bis 2030 die größte Volkswirtschaft der Welt sein wird, sagte er am 21. Januar im Rahmen einer Policy Lecture an der Goethe-Universität. Die Lecture „The Economics of China´s New Era“ war Teil des First Goethe Asia Forums und fand statt anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Interdisziplinären Zentrums für Ostasienstudien (IZO) der Goethe-Universität. Die Veranstaltung wurde gemeinsam von IZO, SID Chapter Frankfurt und SAFE organisiert.

Justin Yifu Lin erklärte in seiner Rede, dass für Chinas kontinuierliches Wachstum die Sicherung von Stabilität entscheidend gewesen sei. "China war in den letzten 40 Jahren das einzige Land der Welt ohne Finanzkrise", sagte er. Schlüssel zum Erfolg waren seiner Ansicht nach ein pragmatischer Reformweg und die kontinuierlichen Investitionen für eine bessere Infrastruktur des Landes. Lin erklärte, China dürfe auch künftig nicht von diesem Weg Reformweg ablassen und müsse weiter in seine Infrastruktur investieren, da diese sich an die sich verändernde Wirtschaft anpassen müsse.  Zugleich warnte er vor wachsenden Einkommensunterschieden und Korruption, was zu wachsender Unzufriedenheit in der chinesischen Bevölkerung führen könnte.

Protektionismus und Handelskonflikte

Trotz des hohen Wachstums in den vergangenen Jahrzehnten sieht Lin noch ein enormes Potenzial für Chinas Wirtschaft. Entwicklungsländer hätten im Vergleich zu Ländern mit hohem Einkommen Vorteile, da sie beispielsweise bezogen auf Technologie von ihnen lernen könnten. Diese „Spätstarter-Vorteile“ seien ein Grund, warum China nach wie vor hohe Wachstumsraten aufweise.

Er wies darauf hin, dass Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf im Jahr 2008 nur 21 Prozent des BIP pro Kopf der USA ausgemacht habe. Laut Lin war dieser Anteil im Jahr 1951 genauso hoch in Japan, 1967 in Singapur und 1977 in Südkorea. Alle diese Länder seien weitere 20 Jahre mit einer jährlichen Rate von 8 bis 9 Prozent gewachsen – Lin erwartet, dass Chinas potenzielle Wachstumsrate mindestens in den nächsten 10 Jahren genauso hoch sein wird.

Lin betonte allerdings auch, dass Chinas Wachstum von der globalen wirtschaftlichen Entwicklung abhänge. "Zehn Jahre nach der Finanzkrise haben sich einkommensstarke Länder wie die USA noch nicht vollständig erholt", sagte er. Protektionismus und Handelskonflikte könnten China zudem vor Herausforderungen stellen. Dennoch erwartet Lin, dass China eine jährliche Wachstumsrate von 6 Prozent aufrechterhalten und bis 2025 zur Gruppe der Länder mit hohem Einkommen zählen wird.

Mit der sich verbessernden wirtschaftlichen Situation werde sich auch die Rolle des Landes ändern: "China wird mehr Verantwortung in der Welt übernehmen müssen", sagte Lin. Mit Blick auf die Programme für Entwicklungsländer von Ländern mit hohem Einkommen sagte Lin, dass diese trotz guter Absichten oft nicht erfolgreich gewesen seien. China werde auch Geld geben, aber dafür sorgen, dass es effektiv sei. Nach Ansicht von Lin ist China auf diese Rolle gut vorbereitet, weil es die Bedürfnisse in Entwicklungsländern versteht und die Armut im eigenen Land enorm reduziert hat. Chinas Investitionen, insbesondere in die Infrastruktur, würden anderen Entwicklungsländern helfen, zu wachsen, sagte Lin.