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Sind Konsumschecks das richtige Mittel zur Bekämpfung der Corona-Krise?

Haushaltkrisenbarometer: Haushaltsbefragungen lassen an der Wirkung von Geldgeschenken zweifeln

Die Coronakrise stellt eine erhebliche Belastung und Bewährungsprobe für Betriebe in der Bundesrepublik dar. Um die Konjunktur zu stärken, Härten abzufedern und – so wörtlich – die Wirtschaftskraft Deutschlands "zu entfesseln", hat die Bundesregierung kürzlich die Senkung der Mehrwertsteuer und die Gewährung eines Kinderbonus beschlossen. Kontrovers wird seitdem diskutiert, ob diese Konsumkampagnen zur Krisenbewältigung notwendig und angemessen sind. Ist "Helikoptergeld" tatsächlich das adäquate Mittel zur Rettung der betroffenen Branchen im Inland? Die repräsentativ erhobenen Einschätzungen tausender Haushalte im Haushaltskrisenbarometer erlauben einen eingehenden Einblick in ihre Einkommenslagen, ihr Einkaufsverhalten und ihre Erwartungshaltungen und ermöglichen so die Klärung der Frage, ob der Binnenkonsum gegenwärtig anzukurbeln ist. 

Aus den für das Haushaltkrisenbarometer ermittelten Daten zu Einkommensänderungen und Einkommenserwartungen lässt sich kein künftiger Einbruch der Binnennachfrage ableiten, da der überwiegende Teil der deutschen Wohnbevölkerung nicht davon auszugehen scheint, derzeit oder innerhalb des nächsten halben Jahres finanzielle Einbußen zu erleiden. Da 81 Prozent der befragten Haushalte keine Änderung ihrer Einkommensverhältnisse seit Pandemiebeginn feststellen können und 73 Prozent dies auch mittelfristig nicht erwarten, sind Zweifel an der Zweckmäßigkeit so genannter Konsumschecks zunächst angebracht (siehe Grafik).

90 Prozent der Haushalte planen größere Anschaffungen

Dass fast 90 Prozent der Befragten früher oder später größere Anschaffungen planen (siehe untere Grafik), diese bis dato also nicht gänzlich gestrichen haben, sowie 83 Prozent vom Erhalt ihres Arbeitsplatzes ausgehen, untermauert die etwaige Ineffektivität derartiger Konsumstimuli, unabhängig von ihrer eigentlichen Notwendigkeit und Schlagkraft. Flankiert werden diese Erkenntnisse durch den Fakt, dass keine weitreichende Änderung des Sparverhaltens zu beobachten ist. Denn mehr als drei Viertel der Haushalte gaben an, ihr Sparverhalten seit Pandemiebeginn nicht wesentlich verändert/angepasst zu haben.

Auf Basis dieser Ergebnisse ist festzuhalten, dass Konsumschecks weder notwendig noch zweckdienlich erscheinen, um die Binnennachfrage anzukurbeln. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Maßnahmen, die auf eine unspezifische Stimulierung der Binnennachfrage abzielen, Haushalte in der neuen Normalität dazu verleiten, wesentlich mehr zu konsumieren. Die entgangenen Mehrwertsteuereinnahmen, die für den Kinderbonus nötigen Geldmittel und die mit diesen beiden Instrumenten verbundene Unsicherheit mit Blick auf tatsächliche Effekte wirken unverhältnismäßig. Angesichts der Vielzahl bereits bestehender staatlicher Unterstützungsmaßnahmen und unsicherer Erwartungen mit Blick auf die Weltwirtschaft ist es vielmehr angebracht, die finanziellen Ressourcen so wirkungsvoll und erfolgsversprechend wie möglich einzusetzen.

 

Die Befragung (Haushaltskrisenbarometer) wird getragen von einer Kooperation des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE, Nielsen-Frankfurt und dem Lehrstuhl für Finanzen und Ökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt. Das Nielsen Consumer Panel erlaubt es auch, Umfrageergebnisse mit dem tatsächlichen Kaufverhalten zu verknüpfen, um weitere Analysen oder Vergleiche anzustellen. So kann damit analysiert werden, wie sich die erfragten Einkommensschocks bei den einzelnen Haushalten auch im Warenkorb niederschlagen. Alle Ergebnisse finden sich unter www.haushaltskrisenbarometer.de

 


Calogero Brancatelli promoviert derzeit am Lehrstuhl für Finanzen und Ökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Andreas Hackethal leitet die SAFE-Forschungsabteilung "Household Finance" und ist Professor für Finanzen an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Roman Inderst ist Inhaber des Lehrstuhls für Finanzen und Ökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Sebastian Schuler promoviert derzeit am Lehrstuhl für Finanzen und Ökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt.



Eine ausführlichere Version wurde als SAFE Policy Letter No.87 veröffentlicht.

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