01 Oct 2018

Zu komplex um zu funktionieren oder Eckpfeiler einer stabilen Finanzarchitektur?

SAFE/BaFin-Konferenz: Im House of Finance trafen die Perspektiven von Aufsichtsbehörden, Industrie und Wissenschaft zur Abwicklungsplanung aufeinander

Jan Pieter Krahnen, Direktor des Forschungszentrums SAFE, eröffnete die Konferenz und hob die Bedeutung der Abwicklungsplanung nicht nur für das Krisenmanagement, sondern auch für die Vorbereitung auf eine solche hervor. Die Veranstaltung am 26. September 2018 im House of Finance wurde gemeinsam von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) und SAFE organisiert. 

Die Redner aus Aufsichtsbehörden, Wissenschaft und Praxis waren sich uneinig hinsichtlich der Einschätzungen über die Komplexität der Abwicklungsplanung und der Abwicklung selbst. Die Diskussion zeigt, dass es unterschiedliche Ansichten bezüglich des Designs, der Implementierung und der Erfolgswahrscheinlichkeit der Abwicklungsplanung unter den Teilnehmern gab. 

Manfred Heemann und Svetlana Dimova von der BaFin betonten, dass die Abwicklungsplanung funktioniere und dass Banken als auch Behörden in die gleiche Richtung arbeiteten, wenn auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Heemann betonte, dass die Abwicklung nicht kostenlos zu haben sei und hob die Bedeutung von Instrumenten wie MREL (Mindestanforderungen an Eigenmittel und berücksichtigungsfähige Verbindlichkeiten) und TLAC (Total Loss Absorbing Capacity) hervor, die Bail-in und Brückeninstitutionen ermöglichten. Seiner Ansicht nach ist die Abwicklungsplanung unerlässlich, um Unsicherheiten in unruhigen Zeiten zu verringern. Management-Informationssysteme jenseits der aufsichtsrechtlichen Meldungen seien entscheidend: „Wir müssen den Druck hoch halten“, sagte Heemann. 

Seine Kollegin Svetlana Dimova (siehe Foto) skizzierte danach die Unterschiede zwischen Abwicklungsplanung und einem Abwicklungsplan. Der Plan sei die Spitze des Eisbergs, weil „einer passt für alle“  nicht zutreffe, sagte Dimova, als sie die Komplexität der Abwicklungsplanung beschrieb. Für ein stabiles Finanzsystem müssten sich die Regulierungsbehörden mit einem Trilemma einer guten, schnellen und billigen Lösung auseinandersetzen. Abwicklungsplanung könne zwei, aber nicht alle drei Dinge gleichzeitig erfüllen, und eine Lösung müsse vor allem gut und schnell sein. Damit die Abwicklungsplanung funktioniere, sei eine starke, zuverlässige und grenzüberschreitende Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung. Obwohl die Abwicklungsplanung die Banken noch komplexer gemacht habe, habe sie als Mechanismus zur Bereinigung in der Branche gedient.

„Abwicklung ist kein universelles Heilmittel“

Aus akademischer Perspektive unterstrich Martin Götz, SAFE und Goethe-Universität, den besonderen Wert der Banken für Marktsysteme. Zugleich betonte er, dass die Möglichkeit eines Marktausscheidens nach wie vor wichtig sei, um die Marktdisziplin aufrecht zu erhalten. „Abwicklung ist kein universelles Heilmittel“, sagte Götz und zeigte, dass die Marktdisziplin wiederhergestellt werden könne, wenn die Anreize stimmen würden. Wenn letztlich ein Abwicklungsplan glaubwürdig und transparent sei, seien Anleger in der Lage, potenzielle Verluste aufzufangen.

Tobias Tröger, ebenfalls SAFE und Goethe-Universität, bekräftigte, dass die Abwicklungsplanung zu komplex sei. Er erklärte, dass Vorbereitungen unerlässlich seien angesichts des kleinen Zeitfensters, dass für die Stabilisierung des Finanzsystems zur Verfügungen stehen würde: In einer kritischen Situation würde eine Bank am Freitag schließen und die Probleme müssten bis Montagmorgen gelöst werden. In dieser Zeit müssten die Bail-in-Möglichkeiten überprüft und Kundenverpflichtungen erfüllt werden. Er erläuterte, wie sich Ex-post-Anpassungen auf die Risikorate auswirken und zu einer unzulänglichen Preisgestaltung führen könnten. Diese Anpassungen seien unvorhersehbar und am Ende könnte der Bail-in sogar den Anreiz erhöhen, Gelder von der Bank abzuziehen.

Karen Kuder von der Deutschen Bank vertrat die Perspektive der Branche und erklärte, dass die Banken viel getan hätten, um stabiler zu sein. Sie stellte jedoch auch fest, dass die Vorbereitung nur bis zu einem bestimmten Maß möglich sei. Sie wies darauf hin, dass die technische Infrastruktur im Falle einer Abwicklung zuverlässig sein müsse. Sie schlug eine höhere Transparenz der Aufsichtsbehörden vor, damit sich die Banken besser vorbereiten könnten, und betonte die Bedeutung der grenzübergreifenden Zusammenarbeit bei der Abwicklung. Sven Schelo (siehe Foto), Anwalt bei Linklaters, wies auf einen anderen Aspekt hin: Banken ohne Bail-in-Kapitalinstrumente liefen Gefahr, keinen Käufer finden. In einem solchen Fall sei eine Abwicklung nicht möglich, so Schelo.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmer einig, dass die Abwicklungsplanung helfe, um sich auf einen Abwicklungsfall vorzubereiten. Gleichzeitig sei es schwer einzuschätzen, wie gut Banken und Behörden auf einen Notfall vorbereitet seien. Es sei nicht möglich, Pläne für jede Eventualität zu entwerfen, und die Planung selbst sei keine Abwicklung. In Anlehnung an die Position von Tröger verteidigte Schelo die Einfachheit: „Je einfacher, desto besser ist die Lösung. Besonders unter Zeitdruck“, sagte Schelo. Christian Nowak und Svetlana Dimova von der BaFin erklärten, dass ein Plan zwar nicht wie vorgeschlagen funktionieren möge. Dennoch sei es immer noch wichtig, die richtigen Instrumente und Verfahren zur Verfügung zu haben. Abschließend betonte Heemann, dass es bei der Abwicklungsplanung nicht darum gehe, Krisen vorherzusehen. Vielmehr gehe es darum, die Institutionen zu verstehen und herauszufinden, welche Instrumente in dem jeweiligen Fall angewendet werden könnten.