12 May 2017

George Papaconstantinou: Griechenland benötigt Schuldenerleichterungen und ein weiteres Hilfspaket

Ehemaliger Finanzminister analysiert die Ursachen der griechischen Schuldenkrise und wirft einen Blick in die Zukunft

Als George Papaconstantinou das Amt des Finanzministers 2009 unter der sozialistischen Regierung Papandreou antrat, stand Griechenland kurz vor dem Staatsbankrott. Sieben Jahre, neun Finanzminister und drei Hilfspakete später hat Griechenland seine Schuldenkrise noch immer nicht überwunden. In einer SAFE Policy Lecture am 9. Mai an der Goethe-Universität warf George Papaconstantinou einen Rückblick auf die Ursachen und die Entwicklung der Schuldenkrise in Griechenland. Gemeinsam mit den rund 150 Gästen, die zu seinem Vortrag mit dem Titel „Greece: A Never-Ending Tragedy?“ gekommen waren, diskutierte Papaconstantinou über mögliche Wege aus der Schuldenfalle.

Der studierte Ökonom sparte nicht mit Selbstkritik: Viel zu lange habe die griechische Regierung das Ausmaß der öffentlichen Verschuldung verschwiegen und die Zahlen geschönt. Kritik äußerte er aber auch an den Euro-Partnern, insbesondere an Kanzlerin Angela Merkel. Sie habe auf dem deutsch-französischen Gipfel in Deauville im Oktober 2010 gemeinsam mit dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy verkündet, dass bei einem künftigen Schuldenschnitt auch die privaten Gläubiger haften müssten. „Diese Ankündigung löste eine Verkaufswelle an den Kapitalmärkten aus und führte zu einer Verschärfung der Krise“, sagte Papaconstantinou.

Obwohl Griechenland bereits von einem Schuldenschnitt profitiert hat, liegt das reale Bruttoinlandsprodukt immer noch um ein Viertel unter dem Vorkrisenniveau von 2009. Die Verschuldungsquote beträgt mittlerweile 170 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Im Gegensatz zu Ländern wie Portugal und Spanien, die ebenfalls unter den Euro-Schutzschirm geschlüpft waren, sei es Griechenland nicht gelungen, seine finanzielle und ökonomische Situation zu verbessern, so Papaconstantinou. Inzwischen summieren sich die Zahlungen aus den bereitgestellten Hilfsprogrammen auf mehr als 226 Milliarden Euro.

„Damit Griechenland wieder wachsen und sich von dem Schuldenberg befreien kann, sind massive Investitionen aus dem Ausland notwendig“, sagte Papaconstantinou. Er begrüßte, dass sich die internationalen Gläubiger inzwischen bei den Prognosen für die Schuldentragfähigkeit am Nettofinanzierungsbedarf und nicht mehr an der nominalen Schuldenquote orientierten und warb für eine Verlängerung der tilgungsfreien Zeit sowie der Laufzeiten für die Hilfskredite. Dennoch geht der ehemalige Finanzminister davon aus, dass nach dem Auslaufen des dritten Hilfspakets 2018 ein viertes folgen muss. Es werde eine gewisse Zeit dauern, bis sich der Effekt der enormen Sparanstrengungen Griechenlands einstelle. Erste Ergebnisse seien aber schon sichtbar: So habe sich das Primärdefizit in Höhe von 11 Prozent im Jahr 2010 zu einem Primärüberschuss von 4 Prozent entwickelt.

Das Jahr 2017 werde die Entscheidung bringen, ob die EU-Staaten an ihrem Spar-Kurs gegenüber Griechenland festhalten. Papaconstantinou hofft auf einen Kurswechsel nach der deutschen Bundestagswahl.