Demographie und Globalisierung strapazieren die Volkswirtschaften

In einem SAFE Policy Web Seminar legen die Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan dar, wie sich Globalisierung und demographischer Wandel auf die Weltwirtschaft auswirken

Das Verhältnis von erwerbsfähiger Bevölkerung und Ruheständlern in den westlichen hochentwickelten Industrienationen sowie in China stimmt auf lange Sicht nicht mehr. Zwar ist in Indien und zahlreichen afrikanischen Ländern genau der gegenläufige Trend zu beobachten. Mit Blick sowohl auf die weltweite Real- als auch die Finanzwirtschaft zeigt sich jedoch, dass die Überalterung von Gesellschaften unweigerlich höhere Defizite verursacht. Zugleich wird die Corona-Pandemie voraussichtlich dazu führen, dass Inflationsraten schneller und früher steigen als bisher erwartet.

Diese Punkte legten die Ökonomen und Buchautoren Charles Goodhart und Manoj Pradhan in einem SAFE Policy Web Seminar am 7. Oktober 2020 dar. In der Diskussion mit Hans-Helmut Kotz, Senior Policy Fellow am Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE, skizzierten die Autoren dabei die Hauptargumente und zentralen Beobachtungen ihrer gemeinsamen Veröffentlichung „The Great Demographic Reversal“, das die Effekte und Zusammenhänge von Globalisierung und demographischem Wandel beleuchtet.

Weniger aktive Arbeitskräfte, mehr Menschen im Ruhestand

Sowohl für Hochindustrie- als auch Schwellenländer zeigt sich den Schilderungen der beiden Autoren zufolge, dass das Angebot an Arbeitskräften jahrzehntelang stark stieg, was die Verlagerung von Produktionen an Niedriglohn-Standorte gestattete. Der Zugang zu neuen Märkten vor allem in Osteuropa – nach dem Ende des Kalten Krieges und mit der EU-Osterweiterung – sowie in Asien führte geradezu zu einem Schock des Arbeitskräfteangebots.

„Dieser Schock wurde als deflationärer Schub genutzt, um die Inflation genau auf oder unter den Zielmarken der Zentralbanken zu halten. Die Schwellenländer konnten bei der Lohnungleichheit zu den Industrienationen aufholen, wo sich wiederum die Lohnungleichheit zwischen den unterschiedlichen qualifizierten Arbeitskräften vergrößert hat“, erklärte Goodhart. Mit dem einsetzenden demographischen Wandel zeichne sich jedoch ab, dass das Arbeitskräfteangebot im Westen und China künftig entsprechend stark schrumpfen werde.

Chinas erwerbsfähige Bevölkerung gehe seit dem Jahr 2010 kontinuierlich zurück, was die zunehmende Überalterung der chinesischen Gesellschaft widerspiegele, führte Pradhan aus. Zudem sei Chinas Phase der schnellen Kapitalbildung in Sektoren, die mit den globalen Lieferketten der verarbeitenden Industrie verbunden sind, am Ende. Um dennoch weiter zu wachsen und das schrumpfende Arbeitskräfteangebot kompensieren zu können, setze das Reich der Mitte verstärkt auf Modernisierung. „China passt sein Wirtschaftsmodell an und agiert zusehends technologie- und verbaucherorientierter“, so Pradhan.

Weltweit gegenläufige Trends prägen die Weltwirtschaft

Als Folgen der von ihnen geschilderten globalen Umwälzungen hielt das Autoren-Duo im SAFE Policy Web Seminar fest, dass die gegenläufigen demographischen Entwicklungen in der westlichen Welt und Asien einerseits sowie Indien und Afrika andererseits Leistungsbilanzdefizite nach sich ziehen, wenn sich Volkswirtschaften von globalisierten Strukturen verabschieden. Während die Zinskurven immer steiler verliefen, Vermögensrenditen immer schwieriger zu erzielen seien und die Arbeitsproduktivität abnehme, würden westliche und asiatische Staaten ihre jeweiligen nationalen Zentralbanken unter Druck setzen, die Nominalzinsen so niedrig wie möglich und das Geldmengenwachstum aufrechtzuerhalten.

Die Mobilisierung des indischen und afrikanischen Arbeitskräfteangebots für die Globalisierung könnte diese Effekte zwar abfedern, nur sei die gegenwärtige politische Lage in jenen Teilen der Welt häufig zu unberechenbar. Auch seien technologischer Fortschritt und Innovation nur bedingt einsetzbar, um die demographische Entwicklung zu stoppen.

Schließlich bringe die Corona-Pandemie derartige wirtschaftliche Unsicherheiten mit sich, dass die bisherigen weltwirtschaftlichen Prognosen nach Ansicht der Autoren kaum zu halten seien. „Die aktuellen Inflationszahlen sind größtenteils bedeutungslos“, sagte Goodhart zum Ende des Web Seminars, „sie beruhen auf einem Warenkorb, der nicht annähernd dem entspricht, was wir bisher kennen.“ Ebenso warnte Pradhan: „Als eine der größten Herausforderungen kommt auf uns zu, dass Zentralbanken mit für Wirtschaftswachstum sorgen sollen bei gleichzeitiger fiskalischer Expansion einerseits und Inflationskontrolle andererseits.“

Das Video zum SAFE Policy Web Seminar in voller Länge