Kulturwandel im Bankensektor

Viele große Banken haben in den letzten Monaten bekanntgegeben, ihre Unternehmenskultur verändern zu wollen. Dies war zum großen Teil eine Reaktion auf neue Regulierungen im Bankensektor, die die Corporate Governance und Unternehmenskultur von Finanzinstituten betreffen. Hintergrund ist die Annahme, dass ein Fehlverhalten von Bankern zum Ausbruch der Finanzkrise beigetragen hat.

Am 10. Juni organisierte das SAFE Policy Center eine Diskussion mit dem Anthropologen und Guardian-Journalist Joris Luyendijk, in der die problematische Unternehmenskultur von Banken sowie Möglichkeiten, diese zu verändern, diskutiert wurden. Luyendijk hatte über zwei Jahre hinweg soziale Mechanismen in der Londoner Bankenwelt untersucht. Er führte Interviews mit mehr als 200 Bankern. Im Banking-Blog des Guardian berichtete er von seinen Einblicken und Entdeckungen und veröffentlichte vor kurzem auch ein Buch zum Thema („Unter Bankern“). Er diskutierte am vergangenen Mittwoch mit Daniel Mikkelsen, Direktor bei McKinsey & Company, und Thomas Mosk, Assistant Professor am Research Center SAFE.

In seiner Rede betonte Luyendijk, das Hauptproblem der Bankenkultur sei nicht, dass Banker keine Moral besäßen. Vielmehr würde die institutionelle Struktur der Banken aus gesellschaftlicher Sicht die falschen Anreize setzen. Nicht alle Banker würden Gesetze brechen oder sich wie der “Wolf of Wall Street” verhalten. Stattdessen würden die institutionellen Strukturen im Bankensektor, wie beispielsweise die fast nicht vorhandene Arbeitsplatzsicherheit, dazu führen, dass Banker zu sehr auf kurzfristige Gewinne fixiert seien. Sie hätten keinen Grund, Wert auf die langfristigen Auswirkungen ihre Geschäfte oder die zukünftige Reputation ihres Finanzinstitutes zu legen, wenn sie befürchten müssten, von heute auf morgen entlassen zu werden.

Außerdem kritisierte Luyendijk, dass Banker nicht für die Risiken haftbar gemacht werden, die sie eingehen. Verluste würden die Kunden, Aktionäre oder – bei schwerwiegenden Ungleichgewichten – die Steuerzahler tragen. Er forderte deshalb eine neue Bankenstruktur, in der Banker für die Risiken haften müssen, die sie eingehen, sowie für die langfristigen Ergebnisse oder Misserfolge ihrer Investitionen. Eine solche Struktur würde Banker davon abhalten, zu hohe Risiken einzugehen oder in intransparente Produkte zu investieren, die sie selbst nicht genau verstehen.

In der anschließenden Diskussion warf Thomas Mosk die Frage auf, ob es tatsächlich die Bankenstruktur sei, die zu einem Fehlverhalten führe oder ob nicht auch die Tatsache eine Rolle spiele, dass es ganz bestimmte Charaktere seien, die eine Karriere im Bankensektor anstreben, bzw. dass Banken selbst den Charakter ihrer Mitarbeiter beeinflussen oder verändern.

Im Hinblick auf die institutionellen Strukturen der Banken, argumentiere Mikkelsen, habe man in den letzten Jahren schon Fortschritte gemacht. Zum Beispiel hätten die Banken ihre Anreizstrukturen durch eine Anpassung ihrer Vergütungssysteme verbessert. In Großbritannien können ab kommendem Jahr mit dem „Senior Manager Regime“ leitende Manger in Banken und Versicherungen direkt für Verfehlung zur Verantwortung gezogen werden, die in ihren Verantwortlichkeitsbereich fallen. Zudem hätte Großbritannien strafrechtliche Sanktionen gegen Banker eingeführt, die sich verantwortungslos verhalten, und dafür einen neuen Straftatbestand geschaffen, so Mikkelsen.

Nicht zuletzt warnten die Diskussionsteilnehmer aber auch, dass für die Gesellschaft ebenfalls Kosten entstehen könnten, wenn Banken insgesamt zu vorsichtig werden. Dies sollte bei der Umsetzung von politischen Maßnahmen berücksichtigt werden.