15 Jul 2021

Bankenaufsicht nach dem Brexit – Unterbietungswettbewerb zwischen Großbritannien und Eurozone bleibt aus

Ein Vergleich zwischen britischer und europäischer Aufsichtspraxis über Großbanken zeigt enorme Unterschiede, aber kein Ungleichgewicht bei Wettbewerbsfähigkeit und Krisenbewältigung

Der Brexit wirkt sich auch auf die Aufsicht über große Banken aus, Wettbewerbsbedingungen und Finanzstabilität hängen zunehmend von unterschiedlichen Regulierungspraktiken ab. Eine Analyse des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE im Auftrag des Europäischen Parlaments zeigt, dass aufgrund erheblicher Unterschiede in der Aufsichtsstruktur über Banken durchaus mit einem Standortwettbewerb zwischen dem Vereinigten Königreich und den Ländern der Eurozone zu rechnen ist. Spannungen oder Nachteile im Umgang mit Krisen sind im Vergleich zwischen britischer und europäischer Aufsichtspraxis aber nicht zu erwarten.

„Mit dem Verlassen der Europäischen Union gewinnt Großbritannien mehr regulatorischen Spielraum zurück und kann auf Basis einer schlankeren Aufsichtsstruktur schnellere Entscheidungen in Krisenzeiten treffen“, sagt Tobias Tröger, Direktor des SAFE-Forschungsclusters Law & Finance und einer der Autoren der Analyse. Dagegen ist der unter der Europäischen Zentralbank angesiedelte einheitliche Bankenaufsichtsmechanismus („Single Supervisory Mechanism“, SSM) ein komplexes und schwerfälligeres Konstrukt. „Dafür spannt die Eurozone unter dem Dach der Bankenunion ein Sicherheitsnetz für Kreditinstitute auf, was sich beim Management künftiger Bankenkrisen auszahlen dürfte“, ergänzt Rainer Haselmann, Professor für Finanzökonomie an der Goethe-Universität Frankfurt und Forscher bei SAFE, der die Untersuchung zusammen mit Tröger durchgeführt hat.

Durchschnittliche Risikogewichtung (risikogewichtete Aktiva / Bilanzsumme) für große Banken in Großbritannien, Deutschland und Frankreich von 2014 bis 2018

 

Quelle: Eigene Berechnungen, Bankbilanzdaten von SNL Financial.

Für die Analyse haben die Wissenschaftler bestehende empirische Forschungsergebnisse im Feld der Bankenregulierung sowie die aktuellen Stresstest-Szenarien der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde („European Banking Authority“, EBA) und der Bank von England ausgewertet. Die Stresstest-Stichprobe der EBA umfasst gegenwärtig die 50 größten europäischen Banken, wovon 38 direkt unter die Euro-Bankenaufsicht fallen. Auf britischer Seite sind ebenfalls die größten Institute erfasst.

Im Ergebnis zeigt der Vergleich der Aufsichtspraktiken, dass die britische Aufsichtsbehörde („Prudential Regulation Authority“, PRA) einen wesentlich weniger restriktiven Ansatz als die EZB verfolgt mit Blick auf die Kapitalanforderungen an Banken. So setzt die PRA eine niedrigere Risikogewichtung für die Kreditforderungen der von ihr beobachteten Banken an. Die Wissenschaftler konnten dabei sinkende Risikogewichte bei britischen Großbanken sowie unveränderte Risikogewichte bei deutschen und französischen Großbanken nach der Einführung des SSM beobachten (siehe Grafik). Ähnliche Tendenzen lassen sich in den Makroszenarien beobachten, die den 2021 durchgeführten Bankenstresstests zugrunde liegen.

Die Bank von England zeigt sich hier sowohl mit Blick auf das Wirtschaftswachstum als auch auf die Arbeitslosenquote deutlich optimistischer als die EBA und prognostiziert eine schnelle Erholung von den pandemiebedingten Einbrüchen. „Unsere Beobachtungen heißen aber nicht, dass sich die Eurozone als Standort für Banken in einem Regulierungswettlauf ‚nach unten‘ gegen Großbritannien geschlagen geben muss“, so Tröger.

Aus Sicht der Autoren bilden die gemeinsame Aufsicht und Abwicklung einschließlich der Backstops in der europäischen Bankenunion eine starke öffentliche Absicherung der Geldhäuser in den Mitgliedsstaaten. „Das so aufgespannte Sicherheitsnetz sollte die effiziente Bewältigung künftiger Bankenkrisen erleichtern“, sagt Haselmann. Demnach sollten die Banken der Eurozone mit günstigeren Refinanzierungs- und niedrigen Kapitalkosten rechnen können, was Nachteile der vergleichsweise komplizierten Aufsichtsarchitektur in Europa ausgleichen kann.

Die Analyse als SAFE White Paper No. 86 zum Download (in englischer Sprache)


Wissenschaftlicher Kontakt

Prof. Dr. Tobias Tröger 
Cluster Direktor Law & Finance 
E-Mail: troegerwhatever@safe-frankfurt.de
Tel:: +49 69 798 34391