Finanzsysteme im Vergleich – historische Perspektiven

Institutionelle und regulatorische Rahmenbedingungen ändern sich im Zeitablauf, menschliches Verhalten jedoch nicht. Daher verspricht das Studium historischer Ereignisse und langfristiger Finanztrends auch mit Blick auf das aktuelle Geschehen äußerst informative und lehrreiche Einsichten. Auf Basis dieser Überzeugung fand am 17. Juni 2016 eine Konferenz zum Thema “Comparative Financial Systems – Historical Perspectives” an der Goethe-Universität Frankfurt statt. Die Konferenz war gemeinsam organisiert vom House of Finance der Goethe-Universität, vom LOEWE-Zentrum SAFE und dem Institut für Bank- und Finanzgeschichte im Kontext der Gastprofessur für Finanzgeschichte, gestiftet vom Bankhaus Metzler und der Edmond de Rothschild Gruppe.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Raimond Maurer, Dekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften der Goethe-Universität, und Michael Klaus, Partner beim Bankhaus Metzler. Klaus verkündete im Rahmen seiner Ansprache das Vorhaben, auf eine Umwandlung der auf drei Jahre angelegten Gastprofessur in eine volle Professur hinzuwirken.

Die diesjährige Gastprofessorin für Finanzgeschichte, Caroline Fohlin (Emory University), betonte in ihrer Rede, dass beim Vergleich von Finanzsystemen gerne Gegensätze bemüht werden: bank-dominierte Systeme versus markt-dominierte Systeme oder Systeme, in denen Universalbanken vorherrschten, versus solche, die von Spezialbanken bestimmt seien. Die Geschichte zeige, dass diese Gegensätze nicht zu strikt verstanden werden dürften; viele Volkswirtschaften wiesen Mischformen auf. Der wichtigste Hinweis auf die heutige Finanzstruktur eines Landes sei die entsprechende Struktur zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erläuterte Fohlin. So verfügten Länder, die um 1900 einigermaßen wohlhabend waren, sowie Länder mit historisch zentralisierter Regierungsstruktur heute eher über Universalbanken und seien weniger marktorientiert. Auch rechtliche Traditionen korrelierten sowohl mit Marktorientierung als auch mit Bankentypus. Allerdings könnten die Art des Finanzsystems und die rechtliche Tradition nicht die Wachstumsunterschiede zwischen einzelnen Ländern in den letzten 100 Jahren und länger erklären, so Fohlin.

Moritz Schularick, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn, konzentrierte sich in seinem Vortrag auf Veränderungen im globalen Finanzsystem, die dieses anfälliger für Krisen machten. Er zeigte anhand einer für den Zeitraum von 1870 bis 2012 zu 17 Industrieländern recherchierten Datenbasis, dass die Verschuldung der privaten Haushalte, insbesondere durch Immobilienkredite, seit den 1970er Jahren immens gestiegen sei. Als Gründe führte er an, dass sich mehr Menschen Geld leihen, um ein Haus zu kaufen (Eigentumseffekt), dass aufgrund stark gestiegener Grundstückspreise teurere Häuser gekauft werden (Preiseffekt) und dass Immobilien stärker beliehen werden (Leverage-Effekt). Entsprechend habe sich der Anteil des Immobilienkreditgeschäfts in den Bankbilanzen von den 1960er bis zu den 2000er Jahren nahezu verdoppelt. Obwohl der Ausbruch der Finanzkrise 2007 diesen Anstieg zum Stillstand gebracht habe, befinde sich das Geschäft mit Immobilienkrediten weiterhin auf einem Allzeithoch. Schularick betonte das damit verbundene Risiko mit Verweis auf eine von ihm verfasste Langzeitstudie, derzufolge Hauspreisblasen zwar seltener seien als Blasen am Aktienmarkt, sie aber häufiger zu einer Finanzkrise führten sowie, insbesondere wenn sie durch Kredite genährt sind, zu besonders gravierenden Rezessionen, von denen sich die Wirtschaft nur sehr langsam erhole.

Thomas Gehrig, Professor für Finanzen an der Universität Wien, sprach über die Qualität von Finanzmärkten hinsichtlich Informationsaggregation und Preisfindung im Zeitablauf. Als Hauptursachen für fehlerhafte Preissetzung nannte er Herdenverhalten, Spekulationen, Manipulationen und fehlende Liquidität. Im Hinblick auf die Entstehung von systemischem Risiko wies er auf Fragmentierung und Intransparenz als Hauptursachen für Ansteckungseffekte an Märkten hin. Im Vergleich des heutigen MDax mit dem Berliner Aktienmarkt zwischen 1880 und 1910 erläuterte Gehrig, dass die Transaktionskosten damals deutlich geringer waren. Der relative Einfluss von Information sei jedoch im Zeitablauf konstant geblieben – trotz aller technischen und regulatorischen Veränderungen. Dennoch sei Regulierung kein nutzloses Unterfangen, so Gehrig. Die eindrucksvollste Veränderung habe sich im Bereich der Teilnahme am Markt ereignet, die sich im Laufe des letzten Jahrhunderts stark erhöht habe. Laut Gehrig könne Regulierung mit Blick auf Marktteilnahme sehr effektiv sein.

Iain Hardie, Senior Lecturer in International Relations an der Universität von Edinburgh, kam zurück auf den Gegensatz von bank- und marktbasierten Finanzsystemen. Während die Wertpapiermärkte im Allgemeinen stärker gewachsen seien als Bankvermögen, habe eine Schwächung der Banken in ihrer Rolle als Intermediäre nicht stattgefunden. In mehreren Staaten (Kanada, Frankreich, Griechenland, Italien, Niederlande, Großbritannien) hätten Unternehmen im Zeitraum von 2000 bis 2007 vermehrt auf Bankkredite zurückgegriffen, und eine Reihe von Ländern mit unterschiedlichen Arten von Finanzsystemen habe in dieser Zeit ein stärker bankbasiertes System entwickelt. Gleichzeitig habe sich das Finanzsystem sehr verändert, so Hardie. Das traditionelle Bankgeschäft werde mehr und mehr von einem marktbasierten Bankgeschäft verdrängt, welches von traditionellen, aber auch von „Parallelbanken“, zumeist Schattenbanken genannt, angeboten werde. Laut Hardie versuchten die Regulierungsbehörden, das marktbasierte Bankgeschäft im Zaum zu halten, etwa durch höhere Eigenkapitalauflagen; in jüngerer Zeit hätten sie aber auch die Notwendigkeit erkannt, die Entwicklung zu unterstützen, indem sie sich etwa bemühten, das Verbriefungsgeschäft neu zu starten.

In der anschließenden Paneldiskussion, die von Reinhard H. Schmidt moderiert wurde, kamen die Vortragenden zurück auf die Frage, was und wie sich aus der Finanzgeschichte lernen lasse. Caroline Fohlin bemerkte, dass Wissenschaftler in Europa eher historische Vorläufer beachten würden, während in den USA der Geschichte kaum Beachtung geschenkt werde. Sie warnte jedoch auch vor Übertreibungen bei dem Wunsch, aus der Geschichte zu lernen, und verwies etwa auf den exzessiven Rückbezug auf die große Depression der 1930er Jahre in den USA, deren Pendant in Deutschland die Hyperinflation der 1920er Jahre sei. Ian Hardie nannte als zentrale langfristige Lehre aus der Geschichte, dass Menschen, trotz aller regulatorischen Bemühungen, Fehler machten. Egal wie gut die Bremsen und Reifen seien, sagte er, wenn man Menschen schnell fahren lasse, geschähen Unfälle. Das müsse berücksichtigt werden, wenn man nach den Früchten freier Märkte in Form von Gewinnen greifen wolle. Trotz lebhafter Diskussion mit dem Publikum blieb die Frage, wie sich die Bedeutung und Akzeptanz historischer Forschung im Bereich der Wirtschaftswissenschaften verbessern und das Interesse der Studierenden an historischen Zusammenhängen wecken ließe, letztlich offen.

Die Präsentationen aus der Konferenz zum Download: